Wo magst du sein?*

*Helga an Horst 07.10.1942

Horstmar Haeckel war der einzige Sohn von Walter und Josefa Haeckel, und auch der einzige Enkel Ernst Haeckels.

Horst und ErnstWidmung Ernst Haeckels in den Indischen Reisebriefen an seinen Enkel Horstmar.

Horstmar wurde am 14.03.1914 in München geboren. Er hatte eine Gaumenspalte die früh operiert wurde. Zeitlebens trug er eine Narbe an der Oberlippe.

Der Hahn im Korb. Allen voran, die große und begabte Schwester Ingeborg und die kleine Helga, die ihrer verstorbenen Schwester Renata so ähnlich war.

DSC02189Von links nach rechts: Helga, Ingeborg, Horstmar

Helga und Horst: sie küssten und schlugen sich, aber sie konnten nicht ohne einander sein. Ein inniges Band verband die beiden, so unterschiedlich sie auch waren.

Wie das Verhältnis zwischen ihm und der großen Schwester Ingeborg war, ist nicht bekannt. Ich vermute, Ingeborg war halt die große gelehrte Schwester die in Jena im Haus des Großvaters lebte und an der Universität studierte. 11 Jahre sind eben doch ein großer Unterschied.

Renata von Lilien erinnert sich:

„ Er war nie blos ein Abklatsch seiner Schwester. Auch hatte er sein ganz eigenes Gepräge, das war vor allem von der Naturkunde her bestimmt war, anlagemäßig und durch bewusste Förderung dieser Anlagen. Wenn es um naturkundliches ging, hatten die Eltern eine Engelsgeduld mit dem Buben. Er sammelte, was sich sammeln und finden liess. Er beobachtete mit unermüdlicher Ausdauer. Andere hatten wenig Sinn dafür, dass Horst Frösche und Schlangen und wer weiss noch was alles fangen wollte, stundenlang.“ Renata von Lilien: Erinnerungen an Helga

DSC02175

So kam es, dass in Horstmars Zimmer Mäuse, Hamster und Schlangen gehalten wurden. Die Schlangen, weil sie so schön waren, die Mäuse und Hamster weil man an ihnen die Mendelschen Gesetzte sehr schön beobachten konnte und durch Verkauf an die Studenten der LMU sein Taschengeld aufbessern konnte.

„Als der Horst größer wurde, gewaltig aufschoss, hatte er lange schlacksige Haxen und hartgriffige Hände. Es freute ihn, einem die Finger zusammenzudrücken, dass man am liebsten geschrien hätte und den Gruß noch lange spürte. So geschehen, als ich schon 21 Jahre alt war und Studentin höheren Semesters- nach bürgerlichen Familienmileu also schon eine junge Dame. Ich hatte den Horst lange nicht mehr gesehen. Diese Gelegenheit nahm der Lausbub trotz seiner 15 Jahre wahr als kräftigen Händedruck die seinerseitige Freude über das Wieder sehen kundzutun. Aber die linke war ja noch frei und „Patsch!!“ hatte der Horst eine Mordswatschen sitzen. Meine Mutter war wirklich entsetzt und auch mein Vater tat seinen beliebten und mir so verhassten Ausspruch: „Nein, weisst du, da bist du allmählich zu groß dazu.“ Nur der Horst reagierte richtig. Sein Händedruck war in Zukunft nicht mehr so kraftvoll was keinem von uns geschadet hat.“Renata von Lilien: Erinnerungen an Helga

Collage Familie

Horstmar war  wie alle Haeckelkinder eigentlich ein begabter Schüler, vor allem im Zeichnen, aber nicht gerade willig dass zu lernen, was der Lehrplan verlangte . Im Gegensatz zur großen Schwester Ingeborg brachte er wohl jedes Jahr Zeugnisse heim, die selbst im nächsten Verwandtenkreis nicht gezeigt werden konnten. Nun.. er hatte eben andere Interessen 😉

Ich vermute, dass er die Schule mit dem mittleren Schulabschluss verliess. Dann wurde er Werkzeugmacher an der Technischen Universität München. Da kam ihm sein Zeichentalent und sein technisches Verständnis zugute. Mit Begeisterung konnte er sich stundenlang mit seinem Motorrad beschäftigen: Es in alle Einzelteile auseinanderschrauben, glücklich vor den ordentlich aufgereihten Schrauben, Muttern etc stehen und sie nach und nach wieder zusammenzusetzten um dann hoch zu Motorrad durch das damals noch ländliche Würmtal zu brausen.

Seine zweite Leidenschaft war die Fotografie. Im Elternhaus richtete er sich in einem kleinen Raum im Keller ein Fotolabor ein. Der Raum hat nur ein kleines Fenster, dass er mit Brettern verdunkelte. Mein ältester Bruder hat dort später auch Fotos entwickelt.

Horstmar war ein gutausehender, junger Mann. Schlank, helle Augen, sehr groß. Bei den Damen beliebt.

DSC02177.1

In einem Fotoalbum habe ich Bilder von ihm mit hübschen, jungen Damen entdeckt. Wie sie zum Spass Kleider tauschten: Er im Blümchenkleid, die Dame in seinen Lederhosen. Beide fröhlich und unbeschwert. Ein Sommermärchen.

Die Zeit ging ins Land: Aus Ingeborg wurde das Fräulein Dr. phil Ingeborg Haeckel und aus Helga die Frau Clauss, Büttelbronn. Die Geschwister hielten Kontakt, besonders Helga und Horst waren eng miteinander verbunden. Wenn es ging besuchte der „kleine“ Bruder seine ältere Schwester. Sie standen einander auch als Erwachsene sehr nahe, auch wenn sie oft unterschiedlicher Meinung waren. Ein Umstand unter dem meine Großmutter später oft litt.

DSC02183.1                                                                              Helga und Horst mit Helgas Kindern Diethard (1943) und Fritjof (1941 †1947)

..Schön wärs ja, du könntest über Büttelbronn wieder zurück (von Russland). Aber es wird wohl nicht gehen. Unser letztes Zusammensein war ja so kurz und ausserdem hat es mir richtig leid getan, dass unser Gespräch eine so unbefriedigenden Ausgang nahm. Es liegt freilich im Grunde an meiner dualistischen und deiner monistischen Weltanschauung und kann keiner den anderen über zeugen wenn der einzelne nicht durch ein entsprechendes Erlebnis die Richtigkeit des Gegenteils erfährt. Wir lesen darum auch öfters in den Welträtseln und in einem Buch von Heinrich Schmidt, um Großvaters Persönlichkeit besser kennen zu lernen. Die Welträtsel bleiben uns aber nach wie vor ein „Rätsel.“ -(Helga an Horst 07.10.1942)

Und dann brach der zweite Weltkrieg aus: Horstmar meldete sich freiwillig als Fernmeldetechniker.

Fanatisch und blind zog er in sein Verderben.

1944 bekamen die Schwestern Ingeborg und Helga die Nachricht, dass ihr Bruder gefallen war. Irgendwo in Italien. Auf dem Rückzug.

Ich denke öfters an diesen schönen, jungen Mann. Was wäre gewesen, wenn er nicht in den Krieg gezogen wäre, bzw. den Krieg überlebt hätte. Er hätte in das Elternhaus ziehen und eine Familie gründen können.

Er wäre einer von den „ewigen Sonntagsbastlern“ geworden, die begeistert stundenlang im Blaumann am Motorrad oder Auto herumwerkeln. Ölverschmierte Hände, Geruch nach Motoröl und Benzin. Dazwischen fröhliche Kinder und eine schöne Ehefrau.

Horstmars Reise dauerte nur 30 Jahre. Auf der Gedenktafel der Kriegsgefallenen auf dem Friedhof in Gräfelfing steht sein Name eingraviert: Horst Haeckel † 1944.

 Friedhof

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s