Erinnerungen an Alt-Jena

„Vater, Vater, die Lisbeth hat im Esszimmer den Vorhang angezündet !!“

Du liebe Zeit, deswegen riecht es hier so verbrannt. Ich geh sofort nachsehen. Wie siehst du denn eigentlich aus? Total verdreckt und nass! Ach, richtig, heute ist ja Mittwoch*.  Musst du denn immer in dem ganzen Dreck herumwaten! Welch ein Graus, und ich wollte einen ruhigen Feierabend haben.“

Diese Szene hat sich tatsächlich im Hause Haeckel zugetragen. Die kleine Lisbeth hatte  mit Streichhölzchen gekokelt und dabei die Vorhänge des Esszimmers angezündet. Allerdings sprechen wir hier nicht von der Villa Medusa, sondern noch von der „alten Wohnung“ im 2. Stock des Schultzeschen Hauses, gegenüber der Paradieshaltestelle. Haeckels hatten dort eine geräumige 6 Zimmer Wohnung, mit herrlichen Blick auf die Kerneberge, das Paradies und die Saale. In einem der Zimmer hatte sich Ernst Haeckel sein Arbeitszimmer eingerichtet. „Ein schlichtes, typisches Gelehrtenzimmer, das aber ganz den Hauch seiner Persönlichkeit ausströmte. Heiter, behaglich nach Süden gelegen, mit exotischen Pflanzen geschmückt, an denen er zu Zeiten, wenn er wieder einmal von einer tropischen Reise zurückkehrte, Chamäleons oder zierliche Zwergäffchen sich paradiesisch tummeln lies, ist es mir als das  freundlichste Zimmer der Wohnung in Erinnerung geblieben.“

Jeden Mittwoch wurde die Leutra teilweise abgelassen um die Strassen Jenas zu säubern.

Es gibt sogar ein Studentenlied in dem es unter anderem heisst:

Und die Straßen sind so sauber,
|: sind sie gleich ein wenig krumm;
denn ein Wasser wird gelassen
alle Wochen durch die Straßen,
|: in der ganzen Stadt herum.

„Diese Sintflut war für die Jugend eine gesunde Gelegenheit, Schiffchen darin schwimmen zu lassen, oder darin zu stelzen. Die Dienstbaren Geister schütteten allen Unrat und Hausabfälle hinein. Ratten die zum Vorschein kamen und vor dem Hochwasser flüchteten wurden dabei erlegt und sogar mit einer Prämie bedacht“.

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Walter Haeckel hatte Anfang der 30er Jahre seine Jugenderinnerungen unter dem Titel „Alt-Jena“ veröffentlicht. Ein kleines, gerade mal 46 Seiten starkes Heftchen. Dieses Heftchen schildert nicht nur die Jugenderinnerung Walter Haeckels, es ist auch eine Zeitreise in das Jena das Ernst Haeckel so sehr geliebt hat und gibt auch einen Einblick in den Familienalltag der Haeckels.

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Wusstet ihr, das Ernst Haeckel ein leidenschaftlicher Wassermann und Taucher war? In dem Sommermonaten musste Walter immer  Mittags seinen Vater vom Institut abholen. Dann ging es gemeinsam zum Baden in die städtische Badeanstalt. „Ehe er ins Wasser ging, gab es einige Übergüssse, dann sprang er zuerst hinein, wobei er länger tauchte, dann Wasser tretend meine Wenigkeit in seinen Armen auffing um, mich auf seinem Rücken, weit in die Saale hinaus zu schwimmen. Oft wurde der leichtsinnige Herr Professor vom gestrengen Bademeister mit einem Pfiff ermahnt und mit geschüttelter Faust wegen des Unfugs bedroht ;-).

Oder dass Haeckel einen Esel vor zwei betrunkenen Studenten rettete?

„Eines Morgens aber, wir saßen gerade beim Frühstück lies das Eselein- ein braves Grauchen- dass den Burgauer Milchwagen zog, ein so jämmerliches Geschrei los, dass der Vater sofort ans Fenster stürzte. Und siehe da, zwei übernächtig- verkaterte Korpsstudenen hatten sich auf das arme Tier gesetzt, dass nun entsetzlich schrie. Ernst Haeckel, der schon immer eine Abneigung gegen Studentenverbindungen hatte, stürzte wutentbrannt auf die Strasse , kanzelte die Söhne der Alma mater coram publico gründlich ab und versprach ihnen wegen Tierquälerei die Anzeige beim Senat, was sich auch erfüllte, und die beiden in den Karzer wanderten.“

Da ich selbst mit einem Esel mit Namen“Esi“ aufgewachsen bin, eine hübsche, kastanienbraune Zwergeseldame, habe ich das Eselsgeschrei bei dieser Schilderung sofort im Ohr und bin meinem Ururgroßvater sehr dankbar für die Rettung des liebenswerten Langohrs.

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                 Darf ich vorstellen: Esi 🙂

Auch sehr lustig, dass Walter, der des Öfteren im zoologischen Institut wegen schlechter Noten mit unliebsamen Arbeiten bestraft wurde, sich rächte, indem er die Köpfe der Vogel und Affenskelette vertauschte, „wobei es dann dem Herrn Professor eines Tages um Kolleg zur allgemeinen Heiterkeit der Studenten mit unterlief, die boshafte Metamorphose aufdecken zu müssen. Nur der „Famlulus Pohle “ das Unikum des Instituts“ erfasst sofort die kritische Lage und erklärte mit heiterem Grinsen das Missgeschick: den Witz hat natürlich Walter wieder gemacht!- wonach allgemeines Beifallstrampeln der Studenten einsetzte“.

Vielleicht und hoffentlich 😉 habe ich euch nun neugierig auf das kleine Büchlein gemacht.

Das Buch wurde 2011 neu aufgelegt und von Birgitt Hellmann im Vopelius Verlag herausgegeben.

Walter Haeckel: Alt-Jena Vopelius Verlag ISBN 978-3-939718-60-4

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Aus dem unscheinbaren Heftchen ist ein reich bebildertes, gebundenes Buch geworden. Ich kann es nicht nur empfehlen, weil ich damals zwei Bilder aus meinem Archiv  zur Verfügung gestellt habe, sondern weil es, wie ich finde,  in keiner Haeckelbibliothek fehlen sollte.

Jaja… da kommt der Buchhändler in mir wieder heraus 😉

 

 

 

2 Kommentare zu “Erinnerungen an Alt-Jena

  1. Danke für die freundliche Buchempfehlung. Das ist ein tolles Geschenk für unsern Herrn Matthias Claudius, der im November alleine und mit mir zusammen Jena erkundete.

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