Mein schatziges Mikrosköpchen*


*Ernst Haeckel, Entwicklungsgeschichte einer Jugend

Würzburg 18.06.1853

„In meinem Heft steigen sie schon wieder in die Hunderte. Wenn ich nur erst mein Mikroskop hätte! Jedenfalls ist es jetzt hohe Zeit, Herrn Schiek einmal zu treten. Du bist wohl einmal so gut, liebes Mütterchen, und fragst ihn, „ob mein Mikroskop in Arbeit sei, und bittest, daß er es ja bis anfangs August fertigmache, wie er versprochen hat. Ich brauche es den Winter bei Virchow im Kurs ganz notwendig!“ Sage ihm dies ausdrücklich; sei aber sehr höflich und bewundere auch recht die prachtvollen, ausgesuchtesten Original-Kupferstiche, mit denen der originale Mann sein ganzes Zimmer austapeziert hat und die sein einziger Stolz und Steckenpfert sind. Sei aber so gut und gehe selbst hin, da ich ihn gebeten hate, Dir das Mikroskop zu geben, wenn es fertig ist. Mutter soll es dann ja mit nach Rehme bringen.“

Rehme, 18.08.1853

Der ganze Vormittag ist meinem teuersten anorganischen Schatze, meinem unvergleichlichen Mikroskop gewidmet, wie es in Würzburg höchstens bei Virchow ein zweites gibt. Mit welcher überirdischen Seligkeit ich darin schwelge, könnt Ihr Euch gar nicht entfernt denken . . .

Ziegenrück, 13.10.1853

Am Sonntag haben wir mir Doktors „Steins Leben“ zu lesen angefangen. Vorgestern abends waren wir unten, da der Frau Doktor Geburtstag war. Wir waren sehr vergnügt. Es sind doch ganz umgängliche Leute. Ich werde jetzt viel von ihnen mit meiner Misogynie aufgezogen. So veränderte der Doktor, als er mich gestern im Moose so vertieft fand, die Schöpfungsgeschichte folgendermaßen: „Und Gott sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; und er schuf um ihn Laubmoose und Lebermoose und Flechten und ein Mikroskop!“

Würzburg 01.11.1853

Mein Mikroskop hat hier riesigen Effekt gemacht und ich muß es aller Welt produzieren. Natürlich werde ich auch tüchtig darum beneidet. Die meisten meinen aber doch: Wenn sie ein ganzes Semester so hundemäßig leben sollten, wie ich getan, um dadurch ein Mikroskop von solchem Werte zu ersparen, so wollten sie lieber darauf verzichten! – . . .

Würzburg 04.12.1853

Um mich also zu zerstreuen, nahm ich mein schatziges Mikrosköpchen vor und habe mich heute wieder einmal nach Herzenlust satt dran gesehen. Es ist doch ein gar zu herrliches Ding! . . .

Haeckels dearest and first love belonged not to a woman but to a microscope. During his long life, Haeckel had a whole collection of different microscopes. Some of them can be seen at the Ernst Haeckel Museum at Jena.

Some months ago, when I visited my parents, I prevented a little box from the clumsy fingers of my youngest nephew. The little darling was not only playing with the little box, he even managed it to lock the little box and to lost the key. As you can imagine, his aunt was not really happy about this, although the little man looked at me with a mischievous smile. It is very hard to resist such a lovely little rascal. I decided to open the box with a hairpin. It works and the box revealed its secret.

 

Ihr seht, Haeckels große Liebe galt Anfangs nicht etwa einer Frau, sondern seinem Mikroskop. Im Laufe seines langen Forscherlebens besass er wohl eine ganze Reihe verschiedenster Mikroskope. Einige davon kann man heute noch im Ernst Haeckel Museum bewundern.

Bei meinem letzten Elternbesuch habe ich vor den noch etwas ungelenken Fingern meines jüngsten Neffen  jenes geheimnissvolle Kästchen „gerettet“. So ein Kästchen ist nunmal kein Spielzeug für  einen noch recht kleinen Mann. ( Auch wenn er noch so schelmisch guckt ).  Ein kleines bisschen „grantig“ war die Tante aber dann doch. Der Kleine hatte es fertiggebracht, das Kästchen abzusperren und den Schlüssel verschwinden zu lassen.  (… 😉 …) Wo er ihn hatte verschwinden lassen, dass wollte der kleine Schelm nicht sagen. Naja, wozu gibt es Haarnadeln. Jedenfalls gab das Schloss nach und offenbarte sein Geheimnis.

DSC09612_v1Ein Mikroskop!!

DSC09613_v1Das Kästchen war in einem etwas desolaten Zustand,  die Holzverleimung war über die vielen Jahre brüchig geworden und der Deckel des Kästchens drohte buchstäblich auseinanderzufallen. Die Scheibe, die ihr rechts unten seht, war am Boden festgesetzt. Ich überliess es dem Mann meiner Kollegin, seines Zeichens Schreinermeister. In seinen kräftigen Händen gab die Scheibe ihren Widerstand auf, sie lies sich (wohl mit bestimmten Werkzeug) vom Boden lösen. Und wie groß war die Freude, als mir meine Kollegin einige Tage später, das neuverleimte Kästchen zurückbrachte.

A little microscope. The box was in a desolate condition, not surprisingly after appr. 70 years. The whole panel has become loose and it nearly felt apart. The disc you can see on the bottom right was fixed on the ground and it was impossible for me to unscrew it. My colleague offered me to bring the box to her husband who is a carpenter. And in his “healing” hands the disc gave up her resistance. A few days later I received a nicely restored box with the unscrew disc.

The microscope is very small only 13cm and was made around 1860/1864 by Schiek ( Berlin). On the disc you can see the number nine which means that the microscope was made in a number of 9 units or stood at place nine at a university.

This little thing was a beloved by my grandmother Helga and her brother Horstmar. And now I am very honored to have a microscope with such a large history in my little flat. I think it is time to try it myself, together with my elderly brother.

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DSC09619_v1Das Mikroskop ist nur 13cm groß und hat drei Okulare. Mit dem Spiegel kann man das Tages, Kerzen, oder Lampenlicht auf das Objekt richten.

Ich habe einem Sammler ein Bild geschickt, um eine kurze Beratung gebeten und habe folgende Auskunft bekommen

„Es handelt sich um ein einfaches Präpariermikroskop der Firma Schiek in Berlin. Es ist im Wesentlichen ein Lupenmikroskop und kein klassisches zusammengesetzes Instrument. Es könnte ca um 1860/1864 hergestellt worden sein. Auf der Scheibe befindet sich die Zahl 9. Dies bedeutet, dass das Mikroskop in einer Reihe von 9 Geräten hergestellt wurde, oder aus dem Bestand eine Universität stammt und dort am Platz 9 stand.“ *

Wenn ihr mehr über historische Mikroskope der Firma Schiek lesen wollt, bitte seht euch doch einmal im Museum optischer Instrumente um.

*An dieser Stelle möchte ich mich sehr bei Herrn Timo Mappes für seine freundliche Hilfe bei der Zuordnung des Mikroskops bedanken.

Dieses kleine Mikroskop diente den jüngsten Kindern Walters, Helga und Horstmar, als Forschungsobjekt, wie Renata von Lilien in ihrem Manuskript: „Erinnerungen an Helga“ berichtet:

 

Bildschirmfoto vom 2015-11-22 20:37:08_v1

Und so ist das kleine Mikroskop im Walter Haeckel Haus geblieben und hat die vielen Jahre auf dem Dachboden überstanden.

Drei Mikroskope, drei Generationen 😉

Ururgoßvater Haeckel, Großtante Ingeborg und ich 😉

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Jetzt wird es Zeit für mich, mir eine Miniausstattung zum Mikroskopieren zu beschaffen und es zusammen mit meinem ältesten Bruder auszuprobieren, ganz stilecht, auf dem Teppich, bäuchlings liegend ;-).

 

 

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!


 

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Der Herbst zeigt sich dieses Jahr von seiner schönsten Seite. Die Bäume wirken als hätten sie ihre Blätter mit extra leuchtenden Farben „bemalt“. Die letzten warmen Sonnenstrahlen tauchen die Welt in ein gleißendes, warmes Licht.  Der Bodensee schillert in den verschiedensten Farbtönen, von geheimnisvollen Flaschengrün, bis zum strahlenden Blau.

 

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Die alten Apfelbäume mit ihren blassgelben Blättern leuchten selbst im dichtesten Nebel

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Am Bodenseeufer kann man wirklich minütlich beobachten, wie der Nebel so nach und nach verschwindet und den Blick zunächst auf die Seezeichen und Bojen und schliesslich auf die angrenzenden Ufer der Schweiz freigibt. Ein magischer Moment.

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Am „verbotenen“ Ufergelände kann man auf den Stufen des Wasserschlosses die warmen Sonnenstrahlen geniessen.

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Die Wege am Bodenseeufer sind mit bunten Blättern belegt. Fast traut man sich gar nicht, diesen Blätterteppich zu betreten.

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Wie vor zwei Jahren, habe ich auch diesmal wieder ein Kuns(ch)twerk im Garten meiner Tante aufgestellt. Im Sonnenlicht leuchten die gelben Feigenblätter besonders schön und es wirkt im Abendlicht wie eine leuchtende Fackel.

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Doch viel zu rasch beginnt es zu Dämmern. Vom Bodenseeufer aus kann man beobachten, wie die Sonne auf der Schweizer Seite verschwindet. Und dann beginnt es plötzlich“drüben“ zu leuchten und zu funkeln. Doch es sind nicht die Sterne die am Himmel aufgehen, es sind die Lichter der Straßenlaternen und Häuser die so nach und nach angehen. Einer meiner liebsten Momente. Die Schweiz läutet den Abend ein, bevor der Nebel wieder zuzieht und der See sich mit einer dicken Nebeldecke „zudeckt“. Dazu rauschen die Wellen des Sees an das Ufer und der Katamaran fährt seine letzten Touren von Konstanz nach Friedrichshafen.

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Und so wird es langsam Zeit, wieder nach Hause, in die warme Stube mit dem Kachelofen zurückzugehen, wo der kranke Kater Baileys auf der Ofenbank schnurrt.

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Schön war’s am Bodensee.

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