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Al illustrissimo Pittore Walter Haeckel (Teil 2)

Stellt euch vor; ihr sitzt mit einer fürchterlichen Erkältung daheim, seid entsprechend gelaunt und der Kopf will einfach nicht aufhören wehzutun.

Und dann klingelt das Telefon. Euer Vater ist dran: Du hörst dich ja furchtbar an, dagegen tun wir was. Du fährst für 8 Wochen nach Italien! Keine Widerrede. Das Klima dort wird dir gut tun. Mutter und dein Bruder kommen gleich vorbei und packen dir alles zusammen. Du wirst in der Pension von Mutters Freundin de la Dingsda wohnen, in der Sonne liegen, Wein trinken, schwimmen und dich so richtig erholen. Deinem Chef hab ich grad ordentlich die Meinung gesagt.. mach dir keine Sorgen, dazu hat man ja Beziehungen. Und ein paar Freunde darfst du auch mitnehmen! Also, machs gut meine Liebe.

🙂

Walter muss wohl sehr oft an Sinusitis gelitten haben und der fürsorgliche Ernst Haeckel hatte ihm einen Genesungsurlaub in Italien spendiert.

Erst wollte ich den ganzen Bericht Walters hier abtippen ich habe es aber letztendlich verworfen. Der Bericht ist – im Gegensatz zu den bildhaften Reiseberichten seines Vaters sehr zynisch und sarkastisch.

Ich denke, ich werde euch lieber nur die wirklich netten Abschnitte aus jenem Bericht erzählen und über den Rest den Mantel des Schweigens breiten.

Wir befinden uns also mit Walter auf dem Schiff, wo „ das recht gute Dinner absolviert wurde, dass so manchen zur schwankenden Erscheinung machte, Kotzebues Werke heraufbeschwor und Schadenfreude bei den sieghaften zu denen auch ich gehörte hervorrief.

Besonders amüsant war ein würdiger Prälat, der im Vollbewusstsein seiner Autorität und Würde rechts vom Kapitän sass, plötzlich erbleichte und recht menschlich, allzu menschlich nach dem Kloster (Closett) strebte“.

Endlich um 4 Uhr morgens, kommt der arme Walter in seinem Hotel an und hat nur einen Wunsch:

„denn nur das Bett war jetzt eine einzige Rettung nach 20 stündiger Seefahrt, ein Nirwana in Morpheus Armen meine einzige Sehnsucht und alles andere im Himmel und auf Erden in diesem Augenblicke mir gänzlich wurscht!

Nach fast halbstündigen Klopfen und Rufen erscheint endlich „Madonna mit Figlia“ und wies mir früh 5 Uhr ein Zimmer im ersten Stock zu, wo Walter „ wie eine überreife Orange ins Bettgehäuse fiel und erst mal bis weit in den Morgen hinein schlief.

Walter residierte im Hotel Kaiserin Elisabeth. Es existiert heute noch unter dem Namen Hotel Palace im heutigen Hvar (Kroatien). Lesina ist der italienische Name der Insel

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Quelle: Istria Dalmazia Cards (IT)

Elisabeth von Österreich die berühmte Sisi, selber hat einmal selbst längere Zeit in diesem Antiken Gebäude gehaust, die unglückliche romantische Heineprinzessin. Lesina – in seiner sonnigen Ruhe und Verträumtheit sagte ihr wohl zu; helfen wollte Sie den Menschen, den leiblich und seelisch Kranken. Ein grosse Marmortafel im Treppenhaus mit langer Erklärung in goldenen Buchstaben verkündet dem Gaste von ihrem kurzen Verweilen, von der schönen ruhelosen königlichen Frau.

Aber lassen wir den guten Urgroßvater erstmal aufwachen

Glücklich erwacht öffnet er die Fensterläden „und konstatiert in buddhistischer Kontemplation mit Freund Geuther’s Notification: s’hibsch!!

Ich stelle mir Walter vor, total verschlafen, schlecht gelaunt. Haare in alle Himmelsrichtungen, unrasiert und verschwitzt guckt er grantelnd in den Morgen hinein..

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Verschlafen und Grantig macht sich Urgroßvater auf, die Gegend zu erkunden

Vor mir lag der kleine Hafen von Lesina, das weite blaue Meer, die Spalmadoriinseln, dahinter die gebirgige Insel Lissa.

Zu beiden Seiten im Vordergrund, Gärten verfallene Palazzi. Nun stieg ich hinab auf die Terasse, bestellte einen Cacao und überließ mich der Welt als Vorstellung. Nach geraumer Zeit aber dämmert auch der Wille empor, trieb mein Sterbliches die 24 Stufen hinunter, (hier war alles antik) zog mich scharf rechts am Hafen entlang in die Promenade hinein..

Dann geht es erstmal zum Mittagessen:

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Um die Mittagsstunde verließ ich die blau-grüne Grotte, wandelte wie ein Philosoph selbigen Weges zum Grand Hotel und war gespannt auf die Physiognomien der Gäste und Pensionäre beide Tabel ‚d’hôtes. 12 2/3 Uhr wimmerte eine dünne Glocke, heftig geschüttelt. Der Beginn der Atzung.

Beim Betreten des Speisesaals sah ich die Herrschaften schon vollständig versammelt, machte meine Verbeugung links und rechts und schloss mich als dienendes Glied schmiegsam und stumm an. Es folgten die „üblichen faden Tischgespräche, bei denen nie etwas herauskommt.

Die Konversation beherrschte eine Frau Dr. Specht aus Weimar, nebst geschiedener Frau Flesch aus Wien, die mit ihrem Verhältnis, dem Edi einem ganz amüsanten und witzigen Bankonkel, die Adria unsicher machte; er soff und sie rauchte Cigarren schockweis. Die tête führte ein Astronom Dr. Scheller aus Prag, er wusste überall Bescheid, leider auch dem Wein, dem er mit Leib und Seele verschrieben war. Den angenehmsten Eindruck machte ein Fräulein van der Velten aus Weimar, Tochter eine Malers die offenbar unter der Flagge der redseligen Frau Dr. Specht segelte. Später gesellte sich noch ein Apotheker aus Lesina dazu. Diesem temperamentvollen Herren , dessen Eltern sich noch sehr gut an Vater Haeckel in seinen besten Mannesjahren 1870 erinnerten, offenbarte ich mich in der zweiten Woche als Sohn meines Vaters, mit den aufgetragenen Empfehlungen an „padre Buona Grazia“. Das brachte den famosen Kerl ganz aus dem Häuschen“ E.H: sei der größte Mann des Jahrhunderts. Er habe die Welträtsel gelesen und von seinen Eltern wie dem Onkel Buona Grazia unendlich von von ihm Persönlich gehört. Ihn bat ich nun, anderen Tages mich zu Mutter Buchich zu geleiten. Nach der Lüftung meines Inkognito sass am nächsten Mittag plötzlich Mme Flesch neben mir und platze sofort mit der Neuigkeit heraus, dass sie mit meiner entzückenden Schwester bei Lahmann Gesundheit studiert habe und von diesen Wesen ganz begeistert gewesen sei, was ich selbstverständlich ebenso zu gestand. Damit war das Eis gebrochen.

Eines Abends teilt man Walter mit: „dass mein Name bereits in der Belgrader Tribuna genannt sei: der gentilissimo Signore Walter Haeckel, pittore da Monaco, il figlio del grande Ernst Haeckel, hielte sich gesundheitshalber in Lesina auf. Welche Ehre!…“

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(Die Tischgesellschaft das fünfblättrige Kleeblatt wie Walter es nennt, bleibt bis zur Abfahrt Walters gut miteinander befreundet und gemeinsam unternehmen sie Ausflüge in die Umgebung.)

z.B. im Convenot mit figlio Buchich farmavista. Wir wandelten eines Nachmittags hinüber, zunächst in die Klosterkirche, die einige gute Palmas, Bordones, Bassanso und einen angeblichen Tizian nebst gute geschnitzten alten Chorstühlen bereit hält. Der jetzige Padre ist ein Gauner. Buono Grazia war sicher aber auch ein Genie dazu. Als Vater im Jahre 1870 mit den Gebrüdern Herwig bei ihm im Convento wohnte hatte er manches köstliches Erlebnis mit ihm. Dieser würdige Prior hielt in den Umschlägen geistlicher Literatur die damalige geistliche Literatur verborgen, Büchners Vogt, Schopenhauer Darwin Feuerbach Haeckel, er korrespondierte mit diesen Autoren und hatte deshalb mit seinem Erzbischof große Fehden auszuhalten.

Gedenken will ich noch des Besuches, den ich mit dem Apotheker bei der 86 jährigen Witwe Buchích, der Frau des väterlichen Freundes, machte. Ich war bereits vorher angemeldet und Mutter und Sohn empfingen mich in ihrem Palazzo auf der Treppe. Die alte Dame in erster Garnitur, schwarzes Seidenkleid mit weißen Venezianerspitzen, war ordentlich aufgeregt und rasselte im flottesten Italienisch einen ganzen Roman herunter. Tränen der Freude, der Erinnerung, der Ehre.

Mit Kuchen und vorzüglichem Prosecco wurde ich gefüttert, die Raritäten im Hause Buchich wurden mir vorgestellt, der Bücherschrank mit E.H. Natürlicher Schöpfungsgeschichte, unter anderem die Werkstatt und der Sammlung des seligen Astronomen, Ethnographen, Zoologen und Botanikers, des Universalgenies Buchich durfte ich anerkennend bewundern. Beide Teile waren wohl froh, als die Zeremonie vorüber war.

Die drei Wochen auf Lesina gingen nun friedlich, etwas einförmig vorüber, aber für meine Gesundheit äusserst günstig. Das gleichmäßige milde Klima [..] trocknete schon in der ersten Wochen meine tropisch feuchte Stirnhöhle aus, wobei die kräftigenden, starksalzhaltigen Seebäder das ihre taten. In wenigen Tagen war ich mit der näheren Umgebung dieses beschaulichen Fischermarktes vertraut, hatte die steinigen Berggipfel mit ihren reichen Weinkulturen, Feigen und Johannisbrotbäumen, Oliven, Erdbeerbäumen durchkraxelt, wobei ein paar Stiefel diesem spitzigen Gestein zum Opfer fielen, das es nur wenige Strassen gibt und auch die am besten mit Muli genommen werden. Wie in Sizilien wandern die Bauern auch hier nirgends und kommen stets hoch zu Esel angallopiert.

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Drei sehr anregende und unternehmende Tage verlebte ich noch mit den Lesiner Freunden in Ragusa und Umgebung. Die gänzlich verwilderte, besonders von Erdbeerbäumen, Myrthensträuchern überwucherte Insel Lacroma, liess uns einen märchenhaften Nachmittag und Abend in ihrer Wildniss, in ihren Castell- und Schlossruinen zubringen, in dem so äusserst stimmungsvoll und einsamgelegenen Benedikterkloster, das der flüchtige Richard Löwenherz bei der Rückkehr aus Palästina nach stürmischer Seefahrt aus Dankbarkeit gestiftet haben soll.

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Gelungen war auch ein Besuch des kleinen, naturhistorischen Museums, dessen Direktor ein alter schnurriger Kauz, aber vortrefflicher Museumsonkel, uns führte und alles erklärte. Sämtliche Objekte waren in einem kleinen Heftchen registriert und stolz sagte er allemal: alles ick descripto, kein Platz und leider war auch alles in fürchterlicher Enge aufgebaut. Zu den Prachtstücken gehörte ein wunderbarer präparierter Kopf eines kolossalen Hais, der im Hafen von Ragusa gefangen worden war.

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Und immer und immer wieder, wie so oft schon auf meinen Reisen und Wanderungen kommt mir das unheimliche oft erschreckende Gefühl, dass man in der Einsamkeit, in der lauernden Stille der Nacht, allein mit ihr in der Natur, am intensivsten und tiefsten fühlt, dass Offenbarung aus der vielgeschmähten persönlichen Seele, aus dieser ewigen Quelle von Freund und Leid strömen, sich zu Schönheit, Güte und Liebe, zu Größe verdichten, in unerklärlicher Sehnsucht nach einem unbewusssten, nur geahnten Ziel streben, [..] nach der Weltsee, zu Gott!

Und dann heisst es langsam aber sicher für die Abreise zu rüsten:

Ich packte dann etwas verstimmt (weil ein heftiger Scirocco eintrat und schon über eine Woche anhielt) meine Siebensachen, zumal sich Nachts noch eine Maus in meinem Lavoir das Leben genommen hatte, vor allem aber, weil der Besuch des höchst malerische Seleniko absolut nicht mehr zu ermöglichen war und bestieg eines Nachts um 11 Uhr den sehr komfortablen Dampfer, der mich direkt nach Fiume brachte. Den anderen Morgen gegen 6 Uhr konnte ich noch Zara durch das Kabinenfenster begrüßen, um dann bei bewegter See und lebhaften Scirocco um 12 Uhr Vormittags nach dem Festlande zu gelangen.

Ein paar Tage hält sich Walter noch in Venezia auf, dann geht es endgültig in Richtung Heimat.

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Im rosigen Morgengrauen hatte mich das Vaporetto aus meinem originellen Rialtoviertel den Canale grande zur Station gebracht und Punkt 8 Uhr sass ich schon im Königlichem Bayerischen Eisenbahnwagen, der mich über Padua Verona Triest nach Bozen führte. Ein farbiger, sonnenklarer Spätherbsttag war es, an dem ich dann glücklich abends in Meran bei Mme Scholz ( ich nehme an Walters Schwiegermutter) landete und dort 12 behagliche Tage des Übergangs aus der warmen in die kalte Zone genoss. Am 30. November sass ich glücklich wieder im frohbewegten Familienkreise in der Nymphenburgerstrasse 205, München-Neuhausen.

Dem gütigen Spender dieses Reise und Erholungsstipendiums aber, seiner Exzellenz, dem Wirkl. Geheimen Rat, Prof. Dr. Ernst Haeckel, meinem erlauchten Herrn Vater, bin ich zu aufrichtigem Danke auch diesmal verpflichtet.Möge er letztwillige Bestimmungen treffen, dass sein talentvoller Herr Sohn und dessen Familie zu Nutz und Frommen der Menschheit recht oft solche Wohltuende und Fördernde Exkursionen im Gedenken an den güten Geber ausführen können.

*Walters Reiseerinnerungen wurde mir freundlicherweise vom EHH Museum als Kopie überlassen*

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2 Kommentare zu “Al illustrissimo Pittore Walter Haeckel (Teil 2)

  1. Das Landesmuseum in Darmstadt widmet Ernst Haeckel im nächsten Jahr eine Ausstellung:

    17.02.2016 – 11.05.2016
    Verborgene Schönheit
    Viele Grüße,
    Sanne

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