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Mein Trachtenmieder und das „Gschnürl“ meiner Urgroßmutter

Meine liebe Mutter hat mir vor einiger Zeit das Trachtengschnürl meiner Urgroßmutter Josefa überlassen. Doch so ein Gschnürl ist ohne Mieder wie ein Kontrabass ohne Bogen.

In der Schneiderinnung München wurde Anfang des Jahres ein Trachtenmiederkurs angeboten. Getan wie gedacht und so stand ich Mitte Januar etwas nervös in den Kurs und Lehrräumen der Innung und war gespannt was die liebe Kursleiterin, Annamirl Raab nun tun oder sagen würde.

Die Schneiderinnung

Zunächst einmal sollten wir einen Entwurf zu Papier bringen, wie wir das Mieder denn verzieren wollen. Dazu gab es einige erklärende Blätter wo die verschiedenen Symbole erklärt waren, eine liegende Acht z.B Ist das Zeichen für Unendlichkeit und steht für Ehe und Treue.

 So konnte die Trägerin ihre Wünsche und Träume sozusagen in ihrem Mieder darstellen: Wunsch nach Treue, einem liebenden Partner, Fruchtbarkeit- (Feld oder Kind) aber auch Bannzeichen wie einen Bannknoten um böse Blicke abzuwehren.

Ebenso spielen die Farben eine Rolle: Weiß = Unschuld, Rot= Blut, Grün = Menschlichkeit, Schwarz= Demut, Tod

Ich wollte ein einfaches, schlichtes Muster auf meinem Mieder haben. Es sind einander verschlungene Doppelbügel und Rauten.

Dazu habe ich mich für einen dunkelgrünen- schimmernden Stoff mit schwarzen Ornamenten entschieden. Je nach Lichteinfall wirkt der Stoff dreidimensional. – schön.

Zunächst also war der Entwurf auf einem Stück Papier. Dann wurden wir Teilnehmerinnen „vermessen“ und nach unseren Maßen der Schnitt hergestellt.

Das Schnittmuster besteht aus 3 Teilen : Rückenteil, Seitenteil und Stecker. Die Träger werden extra zugeschnitten.

Die Umrisse der 3 Teile wurden auf ein großes Pergamentpapier übertragen und darauf unser Muster aufgezeichnet- ich habe insgesamt 3 Tage dafür gebraucht.

Im nächsten Kurs wurde unser Entwurf unter ein sogenanntes Schabrackenleinen gelegt. Schabrackenleinen ist ein grobgewebtes, leicht versteiftes Leinen- fast wie Buckram nur etwas weicher. Unser Muster musste dann auf das Leinen übertragen werden.

(ca 2 Tage Arbeit)

Am 3 Kursabend schnitten wir die Stoffe zu: Oberstoff, Taschenleinen, Unterfutterstoff und Oberfutter für Rückenteil, Seitenteil, Stecker und Träger.

Als Hausaufgabe hatten wir Oberstoff, Taschenleinen und Schabrackenleinen zusammenzuheften- und das Muster abzusteppen- das ergab dann die Tunnel für das Peddigrohr. Die Abstepparbeit hat ungefähr ein Wochenende gedauert.

Und dann kam der schönste Teil:

Das Mieder wird mit Peddigrohr versteift- genau jenes welches man zum Korbflechten nimmt. Das Peddigrohr gibt es in 3 Stärken. Es wird unten und oben zugeschnitten, dann wird in das Schabrackenleinen, am Beginn des Tunnels- den man vorher abgesteppt hat ein Loch mit einer Ahle gebohrt und dann das Peddigrohr eingeschoben. Das ist eine schöne und sehr meditative Arbeit.

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Hier seht ihr, wie ich das Schabrackenleinen aufsteche um dann später das Peddigrohr durchzuschieben.

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Die fertigen Seitenteile und das große Rückenteil mit Peddigrohr

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Der Stecker mit den etwas dickeren Peddigrohrstäben

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Und so sieht es dann von vorn aus 🙂 Ein faszinierender Moment, wenn sich das Muster plötzlich vom Stoff abhebt 🙂

   Durch das Peddigrohr „erhebt“ sich das Muster nun vom Stoff. Damit das Rohr auch hält, haben wir es mit Holzleim bestrichen- (früher hat man Mehlkleister genommen- der Grund warum so viele alte Mieder kaum erhalten sind- weil der Mehlwurm sich etwas zu wohl in den Miedern gefühlt hat). Darauf wurde das Unterfutter gelegt und anschliessend gepresst.

Über die Osterfeiertage habe ich die einzelnen Teile mit Schrägband eingefasst ( 4 Tage). 

Und dann kam der letzte Kursabend

Die einzelnen Teile wurden zusammengenäht. Dann kamen die Miederhaken an die Seitenteile und hinten wurde der Rockhaken aufgenäht. Dazu brauchten man einen starken, gewachsten Schumacherfaden, Fingerhut, eine Zange, viel Kraft in den Fingern ….und jede Menge Pflaster. ( das beliebteste Wort an jenem Kursabend war „AU“. ) Am nächsten Tag konnte ich wegen meiner zerstochenen und geprellten Finger und Daumenballen fast nicht arbeiten 😉 Aber ohne Opfer kein Mieder.

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Oben im Bild sind die eingefassten Träger mit dem Oberfutter. Unten im Bild ist ein Seitenteil mit den aufgenähten Miederhaken. Es war rechte Schwerstarbeit die Nadel durch eine Schicht aus Holz und Leim zu stechen.. und vor allem sie wieder herauszuziehen.

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Das Zertifikat 🙂

Die Kursleiterin bot mir an, das Gschnürl von Urgroßmutter zu reinigen und zu reparieren. Letzte Woche habe ich es wiederbekommen. Ich habe es kaum wieder erkannt. Es sieht aus wie neu :-). Kaum zu glauben, dass es über hundert Jahre alt ist.

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Der Stecker.. vorher

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und nach der Reinigung 🙂

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Stecker, Münzen und Kette vor der Reinigung und Restaurierung durch Annamirl Raab

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Die Münzen nach der Reinigung.. sind sie nicht schön?

Hier nocheinmal das fertige Mieder ohne Gschnürl

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Der Stecker ohne Seitenteile. An der Kette und an den Haken unten wird der Stecker mit den Seitenteilen aneinander gesteckt

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Das Rückenteil mit den aufgenähten Trägern und den Seitenteilen. Links und rechst seht ihr die Miederhaken oben und unten die Ösen an denen der Stecker befestigt wird

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Sind die Miederhaken nicht schön?

So und nun.. ein paar Bilder mit uns dreien: Mieder, Gschnürl und ich : )

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Auf dem Bild trage ich einen alten Trachtenrock aus Wolle und eine über hundert Jahre alte Trachtenblüse. Es fehlt noch die Schürze und im September will ich mir einen Bluse nähen.

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Ich muss mir nocheinmal zeigen lassen, wie man richtig „schnürt“. Aber für den ersten Versuch 😉 Auch bin ich mir nicht sicher, ob der Stecker nun „gesteckt“ wird wie hier auf dem Bild, oder einfach „eingehängt“ wird

Und.. ich bin jetzt ein bisschen stolz auf mich 🙂

Ein herzliches „Vergeltsgott“ an die liebe Annamirl Raab. Danke für alles 🙂

10 Kommentare zu “Mein Trachtenmieder und das „Gschnürl“ meiner Urgroßmutter

  1. Servus, das hast ja wirklich schön gemacht! Die Peddigrohrarbeit war sicher eine Menge Arbeit, aber es hat sich gelohnt, das sieht wirklich gut aus, und du schaust in dem Dirndl echt entzückend aus. Liebe Grüße aus Wien, Gaby

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