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Noch tausend Grüße und Küsse, Dein glücklicher Ernst

Nur noch wenige Tage, dann werde ich meine Reise nach Jena antreten. Hurraaa.. ich freue mich schon sehr darauf. Das Kleid, welches ich extra für diese Reise angefertigt habe, ist gestern Abend fertig geworden, die Zutaten für den Kuchen (Haeckels Brodtorte) warten in der Küche darauf verarbeitet zu werden- kurz alles ist bereit.

Zwar werde ich dem Haeckelmuseum leider keinen Besuch abstatten können, denn am Wochenende hat auch mein lieber Ururgroßvater frei und wird wahrscheinlich das schöne Wetter zu einer ausgiebigen Wanderung nutzen. Aber das Phyletische Museum werde ich auf jeden Fall besuchen, eine ausgiebige Stadtbesichtigung steht auf dem Programm, vielleicht ein Mittagessen im „Schwarzen Bären“- Haeckels Lieblingsrestaurant- und treffen mit einer lieben Freundin. Doch mehr will ich (noch) nicht verraten.

Ich freue mich schon sehr auf die Fahrt durch das schöne Saaletal und natürlich auf Jena. Als Reiselektüre habe ich Roßmäßlers Buch: Das Wasser und Haeckels Briefe an seine erste Frau Anna Sethe gewählt.


O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb‘ ich dich!
Wie blickt dein Auge,
Wie liebst du mich!

Auszug aus Goethes „Mailied“ 

Diese wunderschönen, poetischen Worte galten dem liebsten Menschen in Ernst Haeckels Leben: Seiner Cousine und ersten Frau Anna Sethe.

Anna’s Name wird erstmals in Haeckels Tagebuch nach der Hochzeit von Haeckels Bruder Karl erwähnt. Anna besuchte öfter die Familie Haeckel in Berlin oder mit Ihnen zusammen „den geliebten Vetter“ in Würzburg, wo man zusammen las oder musizierte. Als Haeckels Studienpläne nach dem Tod von Johannes Müller ( Physiologe, Meeresbiologe und vergleichender Anatom ), zusammenbrechen, sucht er in seiner verzweifelten Stimmung Anna Sethe auf. Sie sitzen zusammen und lesen aus Roßmäßlers Buch: Das Wasser.*

( Seit gestern liegt das schöne Werk auf meinem Nachttischchen, ich habe fast bis zum frühen Morgen darin gelesen )

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Nach der Lektüre sind Anna und Ernst verlobt.

Ich habe, so glaube ich, den entsprechenden Abschnitt gefunden.

Zehnter Abschnitt: Das Wasser als künstlerisches und als poetisches Element

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Anna Sethe, seine Cousine, die Seelenverwandte. Ihr allein fühlte sich Haeckel nahe und verbunden. Ihr konnte er sich voll und ganz öffnen- seine verletzliche und weiche Seele zeigen. Anna war sein geistiger Zwilling durch den er selbstbewusster und zielstrebiger durch das Leben gehen konnte. Eine naturverbundene, feinsinnige Frau die ähnlich wie Haeckel fühlt und denkt.

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Er schreibt ihr wundervolle Briefe, die unter dem Titel: Anna Sethe. Die erste Liebe eines berühmten Mannes von Heinrich Schmidt herausgegeben wurden.

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In jedem Menschen schlummert ein Künstler und ein Dichter, und in jedem erwacht er mindestens einmal.“ (Roßmäßler, Das Wasser)

Die Briefe sind in einem anmutigen, zarten und liebevollen Ton geschrieben. Man sieht Haeckel förmlich in dieser innigen Beziehung aufgehen, man spürt wie sein Herz in dieser Liebe aufgeht und blüht. Haeckel ist starken Stimmungsschwankungen unterworfen, er fürchtet um seine Wissenschaftliche Karriere, doch bald „fängt“ er sich wieder. Die Liebe zu seiner Anna, Änni- wie er sie liebevoll nennt- ist größer als alle Zweifel.

Jena 23.05.1858

Die Fahrt durch die so wohlbekannten, lieben, treuen, Thüringer Lande erfreute mich sehr und frischte eine ganze Reihe alter Jugenderinnerungen auf. [..] Eine verschwundene Zeit! Weißenfels, Naumburg, Kösen, Sulza usw. sind mir mit allen kleinen Winkeln und Ecken des Saaletales durch vielfache Besuche so liebe Heimatorte geworden, dass mir fast jeder Fels eine kleine Geschichte erzählt und jeder Baum einen freundlichen Gruß zunickt. Und dann das herrliche Wasser dazu! Das Wasser!*

Es war manchmal sogar nicht zu vermeiden, dass bei unseren Wanderungen durch das große Gebiet des Wassers eine poetische Wallung über uns kam, denn darin liegt eben die Macht des Erhabenen, dass wir uns ihr nicht entwinden können und bei aller Verpflichtung die wir haben, die Natur zu kennen, sollen wir auch empfinden (Roßmäßler, Das Wasser)“

Berlin 26.09.1858

Es ist wirklich ein wunderbare Ding um die Liebe, wie sie den Menschen umwandelt. Ich kenne mich selbst wirklich nicht mehr. Kaum bin ich jetzt von Dir fort und denke nun schöne Muße zur fortlaufenden Arbeit zu haben, so ist mir diese schon wieder ganz zerstückt, denn dazwischen tritt gleich wieder immerfort der Gedanke: Wann werde ich sie wieder sehen?

In sehr bildhaften Worten beschreibt Haeckel die herrliche Natur in der Umgebung Jenas- die er oft durchwandert.

21.06.1860

„Tausend Grüße und Küsse , mein liebster , bester einziger Schatz, aus unserm lieben herrlichen Jena, in das ich heute mittag- mit welchen Gefühlen, kannst du denken- , gleich eingezogen bin..[.] Ich wenigstens war so tief und innig von Dir bewegt, dass ich auf der Fußwanderung von Apolda her Dich jeden Schritt zur süßesten Begleiterin hatte. Jedes grüne Grässchen, jedes bunte Blümchen rief mir Deinen Namen zu, jedes linde Lüftchen, das von den lieben Bergen herabwehte und die heißen Wangen kühlte, war Dein lieber Gruß, und aus jedem blauen Himmelsfleckchen, das zwischen den zerrissenen Wolken hin durchschaute, sah mich dein liebes, treues Auge inniglich an.“

Besonders schön ist die Wanderung durch den geheimnisvollen Zeit(z)grund in Jena. (Hierzu gibt es ein Aquarell von Haeckel, dass er interessanterweise als Zeitgrund (statt Zeitzgrund) beschriftete. Warum dass so war- wird wohl ein weiteres Welträtsel bleiben. Vielleicht eine Aufforderung in jenem Tal zu wandern und so hinter das „Geheimnis“ zu kommen?

Jena, 18.8.1861

„Als ich Sonntag früh um sechs Uhr Jena verließ, lagerte so dichter Nebel über Berg und Tal, daß ich keine zehn Schritt vor mir etwas erkennen konnte, und so kam’s, daß ich mich gleich im Anfang tüchtig verlief. Ich hatte hinter Wöllnitz auf die Lobedaburg am rechten Saaleufer steigen wollen, verlor aber im dichten Nebel gründlich den Weg, so daß ich statt dessen auf das hohe Plateau hoch über der Lobedaburg gelangte, das mir ganz unbekannt war und auf dem ich fast eine Stunde in rein östlicher Richtung fortlief, meist über steinige nackte Heide, zum Teil durch dichten schönen Wald. Endlich gelangte ich nach langem Umherirren in eine einsame Schäferhütte, wo mich ein Hirtenknabe nach dem im Tale gelegenen Drakendorf hinunterwies. Hier wurde ich durch den Anblick eines reizenden Parkes überrascht, welcher einer gewissen Frau von Häseler gehört. Über Feld und Wiese wanderte ich nun in südlicher Richtung nach der Chaussee hinüber, die von Lobeda nach Roda führt, fast zwei Stunden entfernt, die ich aber in eineinviertel Stunden in der nebelkühlen Morgenfrische zurücklegte oder eigentlich sprang.

Als ich um neun Uhr am Eingang des Zeitzgrundes bei Roda angelangt war, brach die Sonne durch, schlug die Reste des Nebels völlig nieder und enthüllte mir die herrlichen Reize der nächsten Umgebung von Roda und des eben durchwanderten Tales. Scharf und wild springen die roten Sandsteinbänke aus den Bergwänden vor, von rieselnden Quellen benetzt und aufs hernichste mit frischem Grün, Waldreben (Klematis), Epheu, Brombeeren überwuchert und mit reizenden Gräsern und Blüten geziert.

Der Zeitzgrund, den ich nun zunächst durchwanderte, bildete den Glanzpunkt der Exkursion und genießt seinen besonderen Ruf wegen seiner hohen Schönheit mit Recht. Es ist ein sehr enges, wildes und einsames Felsental, welches sich in fast östlicher Richtung von Roda aufwärts zieht, bis zum Waldecker Forst und bis Schleifreisen hin. Die steilen, hohen Wände sind mit den schönsten gemischten Waldungen bekleidet, meist Nadelholz, Tannen, Fichten, Föhren und Lärchen in wechselndem bunten Gemisch, zuweilen prächtige hohe und alte Stämme. In dem mit üppigen grünen Wiesen bedeckten Talgrunde springt ein lustiger wilder Bergbach herab, der eine Menge kleiner Seitenbächlein aufnimmt, viele kleine Stürze bildet und an ein paar weiteren Talstellen sich zu ein paar freundlichen, von Gebüsch bekränzten spiegeiklaren Teichen ausbreitet, die wie der Bach selbst von Forellen wimmeln. Die reizenden Blumen der Gebirgsflora schmücken die Steine und Felsblöcke, die im Bette des Waldbaches ausgestreut sind; zum ersten Male fand ich hier eines der schönsten Farnkräuter, den Straußenfarn (Struthiopteris Germanica), mit einer großen Krone von herrlichen Wedeln oder Fiederblättern, die wie ein Vogelnest oder eine Federkrone trichterförmig zusammengestellt sind und in deren Mitte die braunen Fruchtstöcke, die samentragenden Wedel, hervorsprießen. Zwischen den Steinen wuchs überall eine Menge anderer Farnkräuter, und blaue Gentianen, rote Geranien und gelbe Hieracien bildeten schöne Buketts. Ein paar sehr malerische Partien bieten sich in der Nähe von einigen Schneidemühlen, die unfern der Teiche in den Talerweiterungen liegen. Bei jeder neuen Biegung und Wendung des Tales zeigt sich ein neuer überraschender Blick.

Der herrliche Sonnenschein und die frische köstliche Luft machten die Wanderung den Zeitzgrund hinauf und herab doppelt reizend, und ich konnte mich an dem herrlichen Waldtal nicht satt genug sehen. Es hat im ganzen viel Ähnlichkeit mit den Tälern bei Ziegenrück, besonders dem Sornitz- und Otter-Grund, und versetzte mich teils in die Vergangenheit, wo ich die Ziegenrücker Natur genoß, teils in die Zukunft, wo ich den Zeitzgrund nicht mehr solo genießen werde. Ich stieg und kletterte soviel in den Seitenschluchten herum, daß ich erst um zwölf Uhr wieder in Roda anlangte, wo ich meinen hungrigen Magen durch ein ordentliches Mittagbrot befriedigte.“

Die ersehnte Hochzeit findet am 18. August 1862 in Berlin statt.

Am 26. August 1862 schreibt Haeckel aus München

„Ihr könnt Euch kaum vor stellen, liebste Eltern, wie glückselig mich meine liebe kleine Frau macht, die ich mit jedem Tag lieber gewinne, obwohl ich das fast nicht mehr für möglich hielt. Das lebhafteste Interesse für Natur und Kunst fesselt uns beide dabei immer noch inniger aneinander, als es schon durch die reine Neigung allein geschah. Ich kann mir nicht denken, daß jemals ein junges Ehepaar eine vergnügtere Hochzeitsreise gemacht hat. [..] Kurz, ich bin ebenso, wie meine herzige Anna, so vergnügt, übermütig und glückselig, als es in diesem Leben nur möglich ist, und beneide keinen Gott um seinen Olymp!“

Das Glück sollte jedoch nicht lange dauern: Anna Sethe starb an Haeckels 30. Geburtstag.

Jena, den 17. Februar 1864.

„Am l6. Februar nachmittags 3 1/2 Uhr ist meine Frau Anna, geborene Sethe, nach kurzem Krankenlager an einer Unterleibsentzündung sanft entschlafen, was ich hiermit Freunden und Verwandten statt jeder besonderen Meldung anzeige.“

So traurig die schöne Liebesgeschichte zwischen Anna und Ernst endet, so gern lese ich den schönen Briefwechsel. Ernst Haeckel hat Anna Sethe nie vergessen, er hat sein ganzes Leben lang ihr Andenken lebendig gehalten und sie wohl bis zu seinem Tod schmerzlichst vermisst. Wer sich das Buch nicht kaufen will, der kann es gern hier online nachlesen.

Und nun will ich hinaus in den schönen Botanischen Garten. Dort lässt es sich am schönsten weiterlesen.


4 Kommentare zu “Noch tausend Grüße und Küsse, Dein glücklicher Ernst

    • This is the Story about the (love)letters between my Great-Grandfather and his first wife Anna. The Quotes are from old, popular scientific books- and it is not very easy for me to translate it . In a nutshell: After Mullers burial ( his Professor ) Haeckel had plegded his troth to Anna Sethe. Though the next time, their relationship flowered and in precipitous passion at the time of Müllers death he asked her to marry him.
      The difficulties of managing both marriage and a career agitated Haeckel.But he came to perceive Anna as the lodestar of his live. She was in may ways the young, long-haired, blond, blue eyed scientist’s female double. Haeckels letters to Anna over their courthisp express three interwined themes: his love for her, his hopes of landing a professorship which would allow them to marry and his attachement to natur. The letters are so beautiful, full of love. But sadly they are not yet translated in English. I hope that this little text would be of help. The next blog will be also written in English. Promised

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