Startseite » Ernst Haeckel und Familie/ Ernst Haeckel and Family » ..und dann hat mein Urgroßvater Walter Haeckel die Liebesbriefe verkauft

..und dann hat mein Urgroßvater Walter Haeckel die Liebesbriefe verkauft

DSC05979_v1

In meinem kleinen Haeckelarchiv befindet sich u.a. eine Mappe mit einer Verlagskorrespondenz von Ernst und Walter Haeckel. Ich habe sie vor kurzem wieder hervorgeholt, gründlich geordnet und an einem verlängerten Wochenende darin gelesen.

DSC05898_v1

Sie ist spannender als ein Krimi, besonders ab dem Jahr 1919 als Walter Haeckel  die Verlagsgeschäfte übernahm. Und dann hielt ich plötzlich jenen Brief vom 22.12. 1922 von der K.F Köhler Buchhandlung Leipzig in der Hand.

Die Briefe ihres Herrn Vetters ( Heinrich Haeckel) ans Sie haben mir schon den Mund wässrig gemacht und nach dem eigentlichen Briefwechsel ihres Herrn Vater mit Frl. Frida von Uslar-Gleichen. Ich sprach ihm schon den Wunsch aus, dass ich den Briefwechsel gern einmal lesen würde, um einen Eindruck zu bekommen wie weit er sich für eine Veröffentlichung eignet und ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie die Briefe an K.F. Köhler gelangen lassen würden. Ich würde versuchen, möglichst sofort, trotz meiner Arbeitsüberlastung, die Briefe durchzugehen […]. Ihr aufrichtig ergebener ….

Dieser Brief ist jetzt keine bahnbrechende Entdeckung, aber Sie ist ein kleines Teilchen in dem großen Haeckelpuzzle.

Die Geschichte um die es hier geht, handelt von der  Liebesbeziehung bzw der Korrespondenz zwischen meinem Ur-urgroßvater Ernst Haeckel und Frida von Uslar-Gleichen und was mit deren Korrespondenz nach Haeckels Tod geschah. Der Umgang mit den Briefen hätte ganz nach Plan verlaufen können, so wie es sich Haeckel gewünscht hätte, wenn nicht mein Urgroßvater Walter Haeckel eine sehr wichtige Rolle darin gespielt hätte.

Vor mir liegt das Buch: Das ungelöste Welträtsel  Frida von Uslar-Gleichen und Ernst Haeckel  Briefe und Tagebücher 1898-1903 Band 3 Herausgeber: Prof Norbert Elsner / Wallsteinverlag ISBN 3-89244-377-7.

DSC06283_v1

Es ist eine Geschichte die als Vorlage für einen Film dienen könnte:
Die verkauften Liebesbriefe. Nur.. sie ist wahr, sie hat sich in meiner Familie zugetragen und dazu geführt, dass mein Urgroßvater Walter Haeckel als tragische Figur in die Geschichte einging. Erst durch Prof Norbert Elsner wurde sie neu erforscht und in oben genannten Buch im Jahr 2000 herausgegeben.

Ernst Haeckel hatte eine Geliebte, die schöne und intelligente Frida von Uslar-Gleichen. Leider endete diese Beziehung mit den Selbstmord Fridas. Nach ihrer Beerdigung erhielt Ernst Haeckel von deren Familie sämtliche Korrespondenz, Tagebücher und Geschenke zurück. Ernst Haeckel beschloss, nur seinen Lieblingsneffen Heinrich Haeckel ins Vertrauen zu ziehen und verfügte testamentarisch, dass dieser das gesamte Konvolut nach seinem Tode erhalten sollte.

Heinrich Haeckel hatte nach den Tod seines Onkels die Korrespondenz gesichtet ein Exzerpt erstellt ( Elsner, Das ungelöste Welträtsel Band III S. 1205).

In einem Brief an Walter Haeckel vom 14.11.1919 schreibt Heinrich:
“ [..] Am liebsten würde ich die Sache mündlich mit Dir besprechen. Ernst selbst hat offenbar den Wunsch gehabt, dass etwas daraus gemacht wird [..]. Ich muss mal die ganze Sache beschlafen und nach einiger Zeit nochmal darauf ansehen, was damit anzufangen ist.“

Elsner nimmt an, dass mein Urgroßvater Walter seinen Vetter dazu den Anstoss gegeben haben könnte, da Walter Haeckel stets in Geldnöten war. Jedoch starb Heinrich Haeckel überraschend 1921 und die Briefe wurden von Heinrichs Brüdern im selben Jahr an Walter Haeckel nach München geschickt.

Walter berichtet darüber in einem Brief an seinen Vetter Julius Haeckel  am 18.2.1921 ( Elsner, Das ungelöste Welträtsel Band III S. 1206).

„Ihr werdet froh sein, diese heiklen Schätze ausser Schussweite zu wissen, und ich denke mich demnächst auch Ihrer zu entledigen [..]. Ich blättere mit Josefa ( meine Urgroßmutter ) abends in den Blättern und konstatiere, [..] dass die Briefe ganz ausserordentlich schön und feinsinnig sind. […]. So werde ich die 4 Kasten Ende nächster Woche nach Jena ins Archiv zur Verwahrung überweisen. „

Aber dies geschah nicht und die Briefe blieben bei Walter zunächst in München.

Am 31.3.25 beklagt sich Walter bei Julius Haeckel ( Elsner, Das ungelöste Welträtsel Band III S. 1206)

„Die Massenverehrung ist verschwunden. Von allen seinen […] gehen nur die Welträtsel ( Bibel der Sozi und Kommunisten! […] Die übrige Haeckelliteratur steht absolut still. Nur K.F. Köhler hat noch weitere Pläne mit den posthumen Schriften und Bildern und wird hoffentlich bald ein neues opus herausgeben, aber darüber muss ich noch schweigen […].“

Nun, Walter Haeckel war an diesem sogenannten Stillstand nicht ganz unschuldig, wie man aus der Korrespondenz mit den Gebrüdern Paetel lesen kann.

DSC05892_v1

Am 22.12. 1922 bekundet K.F Köhler großes Interesse an dem Briefwechsel.

DSC05901 DSC05903

1927 erschien unter dem Titel Franziska von Altenhausen. “ Ein Roman aus dem Leben eines berühmten Mannes in Briefen aus den Jahren 1898/1903

DSC06285DSC06286

Walter Haeckel hatte die gesamte Korrespondenz an den Autoren Johannes Werner ( ein ehemaliger Kirchenhistoriker ) und „literarischer Berater“ des Verlags Köhler und Amelang übergeben. In seinem Vorwort schreibt Werner, dass er nur eine Auswahl der Briefe verwendet und gekürzt habe. Ernst und Fridas Namen tauchen unter dem Pseudonym Franziska und Paul auf- eine Anspielung auf das unglückliche Liebespaar aus Dantes Göttlicher Kommödie. Für die Leser der damaligen Zeit, war es nicht schwer herauszufinden, wer sich hinter den Namen verbarg. Laut Elsner hatten Walter Haeckel und Johannes Werner dies auch bezweckt, denn das Buch erlebte bis in die Nachkriegszeit hinein hohe Auflagen. Johannes Werner hatte recht gut erkannt, dass sich ein süffiger Roman über den großen Ernst Haeckel besser vermarkten liess, als dessen wissenschaftliche Werke, Reisebriefe oder die von Walter Haeckel herausgegebenen Briefwechsel.

Johannes Werner schreibt am 2.1.1928 an Fridas Bruder Bernhard von Uslar-Gleichen, dass er aus diesem Briefwechsel „ihrer Schwester ein Ehrendenkmal errichtet“ habe. „Dieses hohe und schöne Ziel gab mir den Mut, dass schwere Werk zu wagen, [..] den umfangreichen Briefwechsel, der bei seinem intimen Charakter schonend behandelt werden musste, diesen Auszug künstlerisch zu gestalten.(Elsner, Das ungelöstes Welträtsel Band III S.1207 /1208).

Wie künstlerisch und schonend Johannes Werner mit den Briefen umging, habe ich hier nachgestellt.

DSC06200_v1

(Originaldokumente…. verschnitten, verschmiert…………….) !!!!

Die Herausgabe der Briefe überraschte nicht nur die Familie Fridas sondern auch u.a. Heinrich Schmidt, dem Leiter des Ernst Haeckel Hauses.

Auf die Frage Heinrich Schmidts, warum Walter Haeckel einer Herausgabe und Veröffentlichung der Briefe zugestimmt habe, antwortete Walter Haeckel in einem Brief vom 28.10.27, dass er ja das Material von seinen Vettern unerwartet erhalten haben und er nach dem „Niedergang der gesamte Haeckelliteratur.“…“ zu dem Ausweg gekommen sei, der vor vielleicht von neuem das Interesse vor allem auf die posthumen Werken meines Vaters lenkt [..] P.S Not kennt kein Gebot. (Elsner, Das ungelöste Welträtsel Band III S. 1208).

Dazu ist zu sagen, dass Walter Haeckel bereits direkt nach dem Tode seines Vaters darum bemüht war, dessen Werke aufrecht zu erhalten, bzw. mit der Veröffentlichung der Briefe u.a. mit seinen Eltern und Anna Sethe Geld zu verdienen. Dies stiess u.a. bei meiner Großtante Ingeborg auf Unverständnis.

DSC04010_v1

Walter antwortet seiner Tochter in einem Brief ( den ich in meiner Mappe gefunden habe) vom 4.8.1920: “ Auf deine Frage, warum ich es für gut halte, bald ein Jahr nachdem Tode meines  Vaters [..] den Briefwechsel eines erst kurz Verstorbenen zu veröffentlichen und dadurch der Urteilsverkündung preiszugeben, möchte ich Dir antworten, dass die Not der Zeit, die finanzielle Lage es einmal fordert, andererseits das wissenschaftliche und persönliche Interesse am Lebenswerk des Vaters wie an seiner Person selbst nicht in den Hintergrund treten soll. Zumal ein reiches briefliches Material zur Geschichte der Entwicklungslehre wie reizvolle Reiseberichte usw. vorhanden sind. Dabei kann der Herausgeber, ja muss es sogar, durchaus taktvoll wie diskret das Material behandeln, so dass das allgemeine Interesse erhalten bleibt“.

DSC05904

Auszug aus dem Brief von Walter Haeckel an Ingeborg

Heinrich Schmidts bitte, dem Ernst Haeckel Haus die Briefe nach der Veröffentlichung zu überlassen, lehnte Walter an einem Brief vom 21.2.1928 mit der Behauptung ab, dass die Briefe „vertraglich und auf besonderen Wunsch der Testamentsvollstrecker [..] vernichtet und nur dem Herausgeber und Verleger und mir Belegstücke vorbehalten waren“. (Elsner, Das ungelöstes Welträtsel Band III S.1208).

Dies war jedoch nicht wahr, wie eine Notiz Schmidts zeigt. Else Meyer ( die älteste Tochter von Lisbeth Haeckel und Ernst Haeckels engste Vertraute) sagte.. “ sie habe die Briefe in einem Handkoffer gesehen und Werner wollte sie nicht herausgeben, um zu verhindert, dass noch ein zweiter Roman daraus gemacht würde.“ (Elsner, Das ungelöstes Welträtsel Band III S.1209). Else beschreibt zudem den katastrophalen Zustand der Briefe und zeigt ihre tiefe Enttäuschung über Ihren Onkel, dass er einer Herausgabe der Briefe zugestimmt habe.

Else Meyer mit ihrem Verlobten Rudolf Hantzsch

Walter Haeckel entschloss sich jedoch später einen Teil der Briefe dem Museum zu überlassen und schlug vor: “ Lassen Sie doch die große Photographie von Frida einrahmen und kleben Sie die Efeublätter von ihrem Grabe unten rum„. Walter Haeckel an Heinrich Schmidt am 28.6.1929 (Elsner, Das ungelöste Welträtsel Band III 1209).

Frida von Uslar-Gleichen

Dieses Bild hängt heute noch im Ernst Haeckel Museum- in einem kleinen Seitenzimmer. Es ist wunderschön!

Einige Briefe und Postkarten verblieben bei Walter Haeckel und gelangten später in den Besitz meiner Großtante Ingeborg- deren Nachlass heute im Schlossmuseum Murnau aufbewahrt wird. Die Briefe die für die Forschung uninteressant waren befinden sich seit 2007 bei mir- u.a. eben eine Auswahl der Verlagskorrespondenz sowie private Briefe und Postkarten von Ernst und Walter Haeckel an die Familie.

Ein großer Teil der Korrespondenz ist nicht– wie Walter Haeckel es später darstellte verbrannt worden, sondern verblieben im Verlag Köhler und Amelang- später Hase & Köhler.

Anita-Luise von Hase Köhler übergab diese 1968 der Staatsbibliothek zu Berlin wo es dort in der Handschriftensammlung aufbewahrt wird. Anita-Luise von Hase-Köhler ist die Rettung des größten Teils der Briefwechsels und der Tagebücher nach der Bearbeitung von Johannes Werner zu verdanken.

Einige Teile der Korrespondenz zwischen Ernst Haeckel und Frida von Uslar-Gleichen könnten sich laut den Recherchen von Professor Elsner im Nachlass meiner Großtante Ingeborg befinden, welche im Schlossmuseum Murnau aufbewahrt werden.

Durch Elsners Arbeit hat die Korrespondenz die Würde zurückerlangt, wie es sich Ernst Haeckel gewünscht hatte.

Elsner verstarb überraschend 2011 (hier könnt ihr den Nachruf nachlesen).

Norbert Elsner hatte damals bei meiner Mutter angerufen und sie nach möglichen Quellen befragt. Als das Buch im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, erhielten wir von Elsner ein Belegexemplar- welches ich heute in meinem Regal stehen habe.

DSC06278_v1

Während meiner Vorbereitung für die Vorträge in Jena und München habe ich Prof Elsner in Göttingen angerufen um mich als Angehörige nochmals für seine wertvolle Arbeit zu bedanken. Ich erinnere mich gern an dieses Gespräch zurück. Er hatte eigentlich nur 5 Minuten Zeit- und aus diesen 5 Minuten wurde ein Einstündiges Gespräch. 🙂 Eine Woche später lag ein riesiges Bücherpaket vor meiner Wohnungstür: Elsners Werke mit persönlicher Widmung. Ich danke ihm heute noch dafür.

DSC06280DSC06281_v1

P.S. Ich danke dem Wallstein Verlag sehr herzlich für die Genehmigung, aus Elsners Werk zu zitieren.

2 Kommentare zu “..und dann hat mein Urgroßvater Walter Haeckel die Liebesbriefe verkauft

  1. Die öffentliche Publikation von intimen Liebesbriefen berühmter Persönlichkeiten, die wir aus der Rückschau per se nie adäquat qualifizieren können, ist, so meine ich, immer etwas problematisch. Primär werden da voyeuristische Wünsche eines eher unbelesenen Publikums befriedigt, das sich an möglichen, menschlichen Schwächen des Schreibers ergötzen will zur reinen Unterhaltung. Indirektes Ergebnis ist oft eine soziale Demontage der betroffenen Personen, die einer faktischen Rufschädigung gleicht. Als Ergebnis verhindert sie, gerade mit Blick auf EH, teilweise bis heute eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem in der Tat immensen und bis heute aussagestarken und wissenschaftlichen Werk, das eine wahre Fundgrube an Ideen, Gedanken und Visionen in Text und Bild war, ist und bleibt – auch bei kritischem Gesamtblick!

    Gefällt mir

    • Gerade deswegen ist Elsners Arbeit so bedeutend, weil er mit seinen umfassenden Recherchen nicht nur den Briefen ihre Würde wieder zurückgegeben hat, sondern auch letzendlich Haeckels Ruf (als Mensch und Wissenschaftler) wieder hergestellt hat.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s