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Und was macht das Biest? Es dreht einfach wieder um! Erinnerungen an Ingeborg Haeckel 1903-1994

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 Heute wäre meine Großtante Ingeborg 110 Jahre alt geworden. Sie ist die einzige aus der Familie Haeckel die ich noch kennenlernen durfte. Zu Ihrem Geburtstag möche ich nun ein wenig von ihr erzählen.
Ren&Jos&EH&Ing
 
Meine früheste Erinnung an Tante Ingeborg war eine Einladung nach Murnau,  bei der meine Mutter und ich bei Tante Ingeborg in der Küche zu Abend essen durften.
Ich dürfte etwa 6 Jahre alt gewesen sein.  Während meine Mutter sich mit meiner Großtante unterhielt, schlich ich mich auf den Gang mit den geheimnisvollen Schränken und verborgenen Zimmern und genoss es mich zu gruseln und mir unheimliche Geschichten auszudenken.
Plötzlich hörte ich aus der Küche ein entrüstetes: „Diese schrecklichen…diese schrecklichen…diese schrecklichen“.
Ich konnte mir Anfangs keinen Reim darauf machen, was damit gemeint war, aber als ich später in der Zeitung etwas von einem bösen Vampir von Murnau las, war ich fest davon überzeugt, dass „dieser schreckliche Vampir“ immer Nachts zur Tante Ingeborg kommt. (Später bin ich hinter das Geheimnis des schrecklichen Vampirs von Murnau gekommen:
Es handelte sich um den Film: „Nosferatu eine Sinfonie des Grauens“ vom Regisseur F.W. Murnau ).
 
 
Nun, Tante Ingeborg hätte sich, schlagfertig wie sie sein konnte, durchaus auch gegen einen solchen Gast verteidigen können.
DSC01106                                         Familienportrait von Konrad Huschke
Tante Ingeborg ist meiner Familie in stets in lebendiger Erinnerung, denn wir haben heute noch Gelegenheit in Ihre leibhaftigen Fußstapfen zu treten: Im Wohnzimmer meiner Eltern. Dort kann man immer noch deutlich die Abdrücke entdecken, die meine Großtante hinterließ, während sie mit ihren genagelten Wanderschuhen den frischversiegelten Parkettboden inspizierte.
 
Mich erinnert Tante Ingeborg vor allem an die wunderbare Schauspielerin Margaret Rutherford: Eine energisch- burschikose aber liebenswerte schrullige alte Dame.
 https://i0.wp.com/www.wearysloth.com/Gallery/ActorsR/15149-13117.gif                         Quelle:aveleyman.com
 
Vor allem hatte sie eine wunderbare, geheimnisvolle Aura, die ich allzu gern erforscht hätte. Meine Mutter durfte 1966 zusammen mit meinem Vater in das Haus von Tante Ingeborgs Eltern in Lochham bei München einziehen. Nur bei einem Raum war das Betreten verboten: Der Dachboden, auf dem Ihre Aussteuer und sonstige Schätze lagerten.
Alle hielten sich daran, nur ich nicht! Für mich gab es nichts schöneres meine Mutter zu bedrängen, doch mit mir auf den Speicher zu gehen, in Tante Ingeborgs Schrank zu schauen und in den Kisten und Kasten zu kramen.
 
Wenn „unsere Männer“- meine beiden Brüder und mein Vater- nicht da waren, ging es mit einer Lampe auf den Speicher. Meine Mutter holte einen Schlüsselbund aus einem Versteck – von dem ich natürlich längst wusste – und knarrend öffnete sich der Aussteuerschrank von Tante Ingeborg. Schweigend und andächtig standen wir beide eine Zeitlang vor den herrlichen Sachen: Spitzendecken, Stoffe, Jugendstilgeschirr, Figuren usw.; wie Kinder vor dem Christbaum. Das meiste davon ist inzwischen im wahrsten Sinne des Worte zu Staub zerfallen, oder den Umzügen zum Opfer gefallen.  Aber davon später-
Wenn Tante Ingeborg bei uns zu Besuch war, war es für mich ein Fest und für meine Mutter eine Prüfung. Sie wollte ihr stets auf´s Neue beweisen, dass sie auf der Hotelfachschule als Köchin viel gelernt hatte. Sie zauberte ein herrliches 4 Gänge Menü, welches von der gestrengen Tante Ingeborg mit den Worten: „Eine Suppe, dass lob´ ich mir!“ begeistert und – sehr zur Freude von meinen Brüdern und mir – unter lautem Schlürfen eingenommen wurde. Über welche Themen die Tischgespräche gingen, weiss ich nicht mehr genau.
Aber ein anderes Mal hielt sie dabei einen Vortrag über den Verlauf der Mangfall und erklärte uns, dass der Fluss bei Grub die Fließrichtung ändert, mit den Worten: Und was macht das Biest? Es dreht einfach wieder um!“
 Sehr beliebt bei uns Kindern, von meinen Eltern aber gefürchtet, – waren die Geburtstagsbesuche bei Tante Ingeborg. Während der Autofahrt hielten unsere Eltern uns Vorträge, uns doch bitte und um Himmels Willen zu benehmen. Bei Tante Ingeborg angekommen, wurden wir „Kinder“ an den Schreibtisch verbannt.
Die Erwachsenen durften den Kaffee auf dem durch gesessenen Sofa am berühmten Tischchen mit der wackeligen Tischplatte einnehmen. Nach einem ausführlichen Vortrag über die Tortensorten, die Tante Ingeborg liebevoll ausgesucht hatte, kam glücklich der Kaffee ins Spiel. Die Kaffeetässchen waren sehr klein und mussten daher immer wieder neu gefüllt werden. 
Beim Nachschenken aber, stiess man nahezu unvermeidbar an den Tisch, weil man diesen durch das Sofa ungefähr in Kinnhöhe vor sich hatte. 
Der wackelte bedenklich und schliesslich schwappte doch noch etwas Kaffee auf die Spitzentischdecke. Dann zog innerhalb einer Sekunde das Gewitter auf: Tante Ingeborg schlug mit der Faust auf den Tisch (der Kaffee ergoss sich nun erstrecht weiträumig über die Decke) und dann grollte der von uns noch heute gern zitierte Satz: „
Jetzt habt ihr die Tischdecke versaut, und ich hab euch doch gesagt ihr sollt aufpassen! “
 Tante Ingeborg war streng zu sich und den anderen, aber in Ihr war ein weicher, liebevoller Kern. Man respektierte und fürchtete Sie auch zuweilen wie eine strenge Lehrerin. Für mich ist sie in vielen Dingen ein Vorbild, vor allem durch ihren zähen Fleiss und ihr offenes Interesse. Sie hat es immer mit Freude erfüllt, wenn jemand in Schule oder Beruf etwas erreicht hatte. 2001 noch, als ich mein ersehntes Abitur auf dem 2. Bildungsweg bestanden hatte, war der erste Gedanke es Tante Ingeborg mitteilen zu wollen.
https://i1.wp.com/www.bund-naturschutz.de/typo3temp/pics/d6e772471c.jpg                 Ingeborg Haeckel während einer Mooswanderung (Bild Bund Naturschutz)
 
Während meinen Vorbereitungen für die Vortragsreihe über Ernst Haeckel hatte ich einen guten Einblick in die Geschichte meiner Verwandten.
Während ich in den vielen Briefen las, in den Archiven des Ernst Haeckel Museums in Jena und des historischen Vereins Murnau*  stöberte und  alte Bilder betrachtete wurde mir klar, dass Tante Ingeborg eine Frau war, die sich immer nur um die anderen gekümmert, und am wenigsten an sich gedacht hat.
Sie hat nicht nur Ihre Eltern finanziell unterstützt, sondern auch ihre jüngste Schwester Helga- meine Großmutter, die mit Ihren fünf Kindern bestimmt kein einfaches Leben hatte.
Nach dem frühen Tod meiner Großmutter, mit gerade mal 50Jahren, hat Tante Ingeborg sich aufopfernd um Ihre damals halbwüchsigen Nichten und Neffen gekümmert. Sie hat ihr Bestes gegeben, ihnen eine gute Ausbildung und Zukunft zu ermöglichen.
Doch die verwaisten Kinder suchten und brauchten eine liebevolle Hand und keine Erzieherin die ihre Liebe nur durch Strenge und Forderungen zeigen konnte.
 
Man übersah dabei, dass Tante Ingeborg ihre eigene tiefe Trauer und Verzweiflung über den Verlust des letzten geliebten Geschwisters und damit ihrer Familie durch fleißiges Arbeiten zu überwinden versuchte.
Dabei hat sie sich immer nach Familiengemeinschaft gesehnt, nach Menschen die sie gern haben und so nehmen wie sie ist.
 
Im November 2010 wurde ich von Frau Dr. Hruschka der Vorsitzenden des historischen Vereins Murnau zu einem Erinnerungsabend an Ingeborg Haeckel nach Murnau eingeladen. Freunde, Bekannte, Weggefährten, ehemalige Schüler  sowie ich als Angehörige trugen ihre Erinnerungen an meine Großtante vor. Ich erinnere mich gern an diesen schönen Abend zurück.
Es wurde viel gelacht, geredet, erinnert und ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich im Publikum unbewusst nach ihr suchte.
Oft wurden wir Vortragenden von heiteren Zwischenrufen und Lachsalven unterbrochen. Und ich bin mir sicher: Dieser Abend, Ihr Abend !! hätte ihr gefallen.  
P.S. Unter dem Titel: Persönliche Erinnerungen an Ingeborg Haeckel wurden die Vorträge von denen ich eben berichtet habe zusammengetragen und veröffentlicht.
 
* An dieser Stelle möchte ich mich nochmals bei Frau Dr. Hruschka, der Vorsitzenden des Historischen Vereins Murnau für Ihre ehrlichen und hilfreichen Bemühungen sowie ihre guten Ratschläge recht herzlich bedanken. Ich habe die Stunden, die ich in Ihrem Archiv verbringen durfte sehr genossen. Haben sie mir doch einen guten Einblick in unsere Familiengeschichte gewährt und mir gezeigt, dass bestimmte Probleme sich oft eines Tages von selbst lösen.

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