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Taufgedicht für Walter Haeckel

Eine Weihe,

ausgedacht und dargebracht dem Erstgebornen seines lieben

Ernst Häckel.

Dissonanz

(Scene: Festlich geschmückter Gartensaal. Die versammelten Gäste im Halbkreise. Der Knabe wird hereingetragen, und eine feierliche Musik, etwa Mozart’s Chor: „O Isis und Osiris!“ empfängt ihn. Wenn die Klänge verhallt sind, wird der Knabe zur Sonne emporgehalten. Einer der Pathen [Astronom] legt seine Hand auf dessen Haupt.)

Der Sprecher.

Das ist die Sonne, die hohe, die helle,

Des Lichts und der Wärme erhabene Quelle,

Die Strahlen versendende,

Segen ausspendende,

Das ist die Sonne, das gold’ne Symbol

Ewiger Klarheit,

Ewiger Wahrheit.

Freue Dich ihrer, strebe zum Licht,

Sonst verdienst Du sie nicht!

(Der Knabe wird nun auf die Erde gesetzt. Drei andere Pathen [Geognost, Botaniker, Zoolog] legen ihre Hände auf ihn.)

https://i0.wp.com/picture.yatego.com/images/4cdc1c666d0e95.3/big_41_00228690-kqh/franz-von-stuck-bacchusknabe-auf-einem-panther----.jpg

Das ist, o Sohn, die Allmutter, die Erde.

Drinnen und drauf herrscht ein ewiges Werde;

Das ist die mild in der Sonne erglühende,

Das ist die freundliche, grünende, blühende.

Doch in der Tiefe sind düstere Gluthen;

Unter den Bergen und wallenden Fluthen,

Allüberall ist ein wunderbar Weben,

Sinken und Heben, Streiten und Streben,

Ewiges Sterben, ewig Beleben,

Ewig Verschwinden, ewig Entfalten,

Geschlecht auf Geschlecht und Gestalt auf Gestalten.

Auf ihr sollst Du wohnen, Dich freu’n und genießen,

Sie sollst Du erforschen, sie sollst Du erschließen.

Strebe und streife,

Schwelge und schweife,

Dringe hinein!

Sie sei Dein, sie sei Dein!

Und Du selbst magst der Beste, der Bravste drauf sein!

(Die Eltern nehmen jetzt den Knaben in ihre Mitte. Alle Anwesende treten, ihn zum Willkommen begrüßend, hinzu.)

Erote mit Früchtekorb. Um 1920

Das sind die Menschen – ergreif’ ihre Hände

Und habe sie lieb, sei getreu bis an’s Ende,

Doch fliehe die Falschen, die Schlechten, Gemeinen

Und halte Dich nur zu den Echten und Reinen!

Sei stark in Bedrängniß, sei muthig im Streit,

Doch weich, wenn bei Andern Du Noth siehst und Leid!

Erkennen und Helfen – Genießen und Streben

Und – das Glück des Beglückens, das fülle Dein Leben!

(Kurze Musik von heiterem Charakter. Ein bekränzter Becher mit Wein wird hereingetragen.)

Empfange denn nun die fröhlichste Weihe,

Nicht klebt sie am Dogma, die schöne, die freie,

Empfange der Traube Wundersaft,

Des Geistes Symbol und der Lebenskraft!

https://i0.wp.com/www.oel-bild.de/Bilder/Wein-1.jpg

Entquollen den Brüsten der Allmutter Erde,

Durchglüht von den Strahlen der himmlischen Sonne,

So ward er bereitet, auf daß er werde

Den irdischen Herzen zur himmlischen Wonne

(Dreimal werden jetzt seine Lippen damit benetzt.)

Lerne sie kennen, die liebliche Labe,

Koste die edle, die köstliche Gabe,

Noch sei sie Dir nur

Symbol der erfreuenden Mutter Natur!

(Indem der Sprecher den Wein über ihn ausgießt:)

Einst werde zu Theil Dir in Ueberfluß

Des Daseins hochherrlicher Vollgenuß! –

(Eine jubelnde Musik fällt ein, die aber bald in eine sanfte und ernste Weise übergeht, während der Knabe wieder in die Arme der Mutter gelegt wird.)

Nun schließe die Augen am Mutterherzen,

Bist frei noch von nagenden Sorgen und Schmerzen.

In der Mutter Arm

Ruht sich’s gar warm.

So schlaf’ und gedeihe und sammle Dir Stärke

Zum schönen Berufe, zum heiligen Werke!

Doch wirst Du zum Letzten die Augen einst schließen,

Ist’s aus mit des Daseins Kampf und Genießen,

Umsteh’n sie Dein Lager mit Klagen und Weinen,

Die treu Dir Verbund’nen, die Lieben, die Deinen,

O mögest Du dann, wenn Dein Auge will brechen,

Zu Deinen Getreuen getrost können sprechen:

„Ich ward ein Mensch, und es war meine Sendung

Zu helfen mit Euch an der Menschheit Vollendung.

Ich that, was ich konnte; – was ich gesollt,

In redlichem Streben hab’ ich’s gewollt.“

Hermann Allmers.

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