Ernst Haeckels Stimme

Heute möchte ich  die Seite des Deutschen Rundfunkarchivs vorstellen.

Das DRA verfügt über Bestände, u.a. historische Tondokumente ab 1888 und somit glücklicherweise auch über die Stimme Ernst Haeckels

Foto: Ernst Haeckel

Ihr werdet bestimmt genauso wie ich von Haeckels Stimme überrascht sein.
Man erwartet, angesichts dieses kräftigen, bärtigen Mannes eine tiefe Bass Stimme, nicht wahr? Weit gefehlt.  Dieser Auschnitt ist

„. die einzige bekannte von Ernst Haeckel und wurde 1918 von Wilhelm Doegen im Rahmen seiner Sammlung von Stimmporträts berühmter Zeitgenossen aufgenommen. Die Tonqualität ist zeitgemäß“. (Quelle DRA)

Ihr hört hier wie Ernst Haeckel das Vorwort zu seinem letzten Buch: Kristallseelen (1917) spricht.( Leipzig 1917, Vorwort)
AD 03.05.1918 / DRA Frankfurt B003854247; 2’22“

  • Ernst Haeckel: Über die Einheit aller Naturerscheinungen
    „Durch so großartige Fortschritte unserer tieferen Naturerkenntnis, deren weitreichende Bedeutung noch heute den meisten Naturforschern und Philosophen nicht zum Bewusstsein gekommen ist, wurde das Jahr 1904 zu einem hervorragenden Markstein in der Geschichte der Naturphilosophie. Als wichtigste Errungenschaft desselben betrachten wir die fundamentale Überzeugung von der Einheit aller Naturerscheinungen, die im Begriffe des ‚Monismus‘ ihren einfachsten und klarsten Ausdruck findet. Es fielen jetzt mit einem Schlage die künstlichen Grenzen, die man bisher zwischen anorganischer und organischer Natur, zwischen Tod und Leben, zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft errichtet hatte. Alle Substanz besitzt Leben, anorganische ebenso wie organische; alle Dinge sind beseelt, Kristalle so gut wie Organismen.
  • Unerschütterlich erhebt sich aufs neue die alte Überzeugung von dem inneren einheitlichen Zusammenhang alles Geschehens, von der unbegrenzten Herrschaft allgemeingültiger Naturgesetze: ‚Nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen müssen wir alle unseres Daseins Kreise vollenden!‘ Was Goethe vor hundert Jahren mit seinem wunderbarsten Naturverständnis geahnt und mit unvergleichlichen Dichterworten in Weimar und Jena prophetisch ausgesprochen hatte, das ist heute zum strahlenden Sonnenlichte wissenschaftlicher Erkenntnis und Wahrheit geworden.“
    QUELLE: DRA

Bernhard Buttersack- Ein Gedenkblatt zu dessen 70. Geburtstag von Walter Haeckel

Mein Ur-Großvater Walter Haeckel war ja wie ihr in den vorigen Artikeln nachlesen könnt, Maler und Schriftsteller. In seinem schriftstellerischem Nachlass, den mir meine liebe Mutter überlassen hat, habe ich folgendes Gedenkblatt über seinen verehrten Mallehrer gefunden.

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Gemälde Bernhard Buttersack: Quelle: Galerie Franz Gailer

16. Maerz 1928

Bernhard Buttersack. Maler der Münchner Sezession

Ein Gedenkblatt zu seinem 70. Geburtstag.

Von Walter Haeckel

Ueber ein Menschenalter ist dahingegangen als die „Dachauer Schule“ in Richtung gebende Erscheinung trat und in einer langen Reihe bedeutender Maler zu Weltruf gelangte. Ein Gegenstück zu der Schule von Barbizou und Fontainebleau.

Unter denen die als „Meister der Farbe“ besonders hervorragten und eine ganz persönliche Note zeigten, ist Bernhard Buttersack an erster Stelle zu nennen. Er hat diese entschwundene Welt in ihrer starken Eigenart und schlichten Grösse durch seine meisterliche Kunst den Nachfahren gerettet, wie er als einer der ersten, die einst so zauberhafte Mooslandschaft im Umkreis zwischen Dachau-Freising und Schleissheim aus ihrem Dornröschenschlafe vor bald fünfzig Jahren weckte.Heute ist das Dachauer Moos trotz seinis immer noch reizvollen Geländes in seiner Ursprünglichkeit der Not der Zeit zum Opfer gefallen und wird urbar gemacht. Die alten Birkenhaine und Weidengruppen um die verschwiegenen Altwasser, die verwitterten Torfhütten, die nächtens oft wie Tempelruinen in den Himmel wuchsen, sind verschwunden oder nur in kleinen Beständen vorhanden, die Einsamkeit dieser seltenen Landschaft ist mehr oder weniger den „Wundern der Technik“ preisgegeben.

Zu Buttersacks Werdegang entnehmen wir folgendes einer selbstbiographischen Skizze: „Geboren in Liebenzell im württembergischen Schwarzwald am 16. März 1858 als der vierte Sohn des dortigen Stadtpfarrers – eines freiheitsdurstigen Achtundvierzigers – und seiner Ehefrau Marie, geb. Zeller, war mir von mütterlicher Seite die künstlerische Begabung überkommen. In der Familie Zeller, zu der der bekannte Geschichtsschreiber der Philosophie, Eduard Zeller, zählte, ist stets viel Sinn für Kunst zuhause gewesen. Zuerst besuchte ich die Oberrealschule in Stuttgart und bereitete mich vor,

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Bernhard Buttersack: Quelle: askart.com

im Polytechnikum als Architektur-Studierender einzutreten. Da machte ein Defreggerschüler Gross, der spätere Schriftführer der Münchner Künstlergenossenschaft, meine Familie auf mein Talent aufmerksam. Mein Onkel Max Zeller, welcher Hausarzt bei Prof. Funk, dem vortrefflichen Lehrer für Landschaftsmalerei in Stuttgart war, vermittelte den entscheidenden Schritt bei diesem, der mir nun riet, sofort die Architektur mit der Malerei zu vertauschen. „Was wollen Sie dort? Sie gehören auf die Kunstschule!“ -, was ich mir nicht zweimal sagen liess und keine zehn Gäule hätten mich wieder in die Technische Hochschule gebracht!

So kam ich im Herbst 1877 in die Kunstschule in Stuttgart und verblieb dort einige Jahre unter der trefflichen Leitung der Professoren Grünewald, Ludwig und Kappis. Die ersten Ferien 1878 benutzte ich, um im Allgäu mich zeichnerisch zu betätigen, dort fand das Gebirge bei mir keine Gegenliebe und ich bevorzugte in Zukunft die Ebene. Daran schloss sich 1881-82 das Militärjahr, um dann einer Aufforderung von Prof. Baisch nach Karlsruhe als dessen Schüler zu folgen. Bei im blieb ich zwei Winter und machte unter seiner Leitung die ersten Bilder. Hernach siedelte ich nach München über, um mein Weiterkommen in der Kunst allein zu versuchen, und so kam ich auch auf meinen Wanderungen in der näheren und weiteren Umgebung nach Langenpreising bei Moosburg, Dachau, Schleissheim und Haimhausen, später nach Polling bei Weilheim, wo ich Lier, Stäbli und Fritz Baer kennen lernte. Vorübergehend machte ich auch in meiner württembergischen Heimat am Neckar bei Heilbronn und am Bodensee mit Ubellohde und Lehmann Studienversuche. Die Schleissheimer Studienzeit teilte ich mit Paul Grodel, Landenberger, Kampenmann und anderen. Meine eigentliche Malschule eröffnete ich aber erst 1899 in Haimhausen, das ich 1885 kennen gelernt hatte, wo ich dann so viele Jahre meines Lebens verbrachte. Dort heiratete ich und siedelte mich fest an.“ – Soweit seine eigenen Worte.

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Bernhard Buttersack

-In jener seiner künstlerisch stärksten Zeit trat er um die Jahrhundertwende überraschend mit seinen Kollektionen prachtvoll breit und sicher hingesetzter Studien aus dem Moos vor die Öffentlichkeit. Diese meisterhaft gesehenen Naturausschnitte mit einem ausgesprochenen Gefühl für Raum- und Bildwirkung strömten aber ihren berückenden Zauber bei aller Präzision der Zeichnung erst in ihrem wunderbaren Kolorit aus. Er bannte geradezu darin das Mysterium der Mooslandschaft! Sein inbrünstiges Naturgefühl, sein herber Wirklichkeitssinn fanden sich in dem Element dieser ihm wahlverwandten Mooslandschaft. Frei von aller artistischen, theorieverknüpfter Richtung, ungehemmt von einem epidemisch werdenden wissenschaftlichen Alexandrinertum, stand er ganz im Banne der Liebe zur Sache in einer neuen Auseinandersetzung mit der Natur. Ein unbeirrbarer, sicherer Instinkt, reinlicher Wille, Bescheidenheit, Fleiss und Gründlichkeit, wie eine seltene Pietät in seinen seelischen Erlebnissen leiteten ihn. Gerade dadurch schritt er von der Gebundenheit zur Freiheit. Das Heimatlich-Schwäbische zur lyrischen Weichheit, wie zur Illustration Neigende, genügte seinem herben Sinn nicht, er brauchte räumliche Ausdehnung und starke Abstände, eine grosse wiete Landschaft wie die oberbayerische Hochebene. Dort rang er um das Wesen, um die Physiognomie der Dinge. „Was man von der Natur lernt ist vor allem eine Sache der Geduld“. Und dabei erkannte er auf seinem langen Entwicklungsgange, dass eine unbedingte Abhängigkeit von der Natur vom Uebel ist und dass ein Maler ohne ein paar denkende Augen niemals die Idee der Bildwirkung erreicht.“ So war er unter den Meistern zeitgenössischer Landschaftsmalerei mit einem Schlage an die erste Stelle gerückt,Schüler und Schülerinnen strömten ihm vom In- und Auslande zu, pilgerten nach Haimhausen an der Amper.

Mir selber war es vergönnt die Sommer 1900 und 1903 sein Schüler zu sein, und ich konnte im Winter 1901 in Berlin folgende

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Buttersack: Weiden am Bach

Episode besonders hoch für den Meister und seine Kunst bewerten.

Schulte hatte eine Kollektivausstellung seiner neuesten Studien wegen veranstaltet. Wie ich den Saal betrete, schon die Wand sehe, die alle anderen „schlug“, – wer steht tief versunken vor den „Buttersacks“? Die kleine Exzellenz, Adolph v. Menzel! Lorgnettierend langsam von Bild zu Bild sich schiebend. Die übrigen Besucher hielten sich in respektvoller Entfernung und auch ich geduldete mich in der Erwartung bald sein Verschwinden zu erleben und selbst zum Genuss der Werke meines Lehrers zu kommen. Aber Menzel hielt lange aus, wohl eine gute halbe Stunde, ernst und kritisch Studie um Studie prüfend, und als er endlich geruhig sich trollte, hatten wir Umstehenden die Überzeugung gewonnen, dass zwei Grosse der Kunst sich wieder einmal die Hand reichten. Nur ein berliner Kind musste seinen Gefühlen freine Lauf lassen: „wat bloss die kleene Kruke an dem Jepatz gefunden hat! ….“.

Zum Lehrberuf war Buttersack seinem ganzen Wesen nach nicht geschaffen, der Kampf ums tägliche Brot zwang ihm den Schulmeisteranfang. Reifere und fortgeschrittenere Talente konnten freilich viel von ihm haben, aber die vielen, allzuvielen gingen ihm auf die Nerven. Seine leichte Reizbarkeit, sein cholerisches Temperament verletzte oft dort, wo er aus bester Überzeugung gerade helfen wollte. Das wertvolle war ja sein unbeirrbarer künstlerischer Ernst, seine Gründlichkeit mit der er auch an jede Schülerarbeit herantrat. Doch hatte er nicht die Gabe über den Dingen zu stehen und nahm oft dort zu tragisch, wo es am allerwenigsten angebracht war. Der Psychologe in ihm versagte und seine sensitive Künstlernatur litt dabei unendlich. Aber auch bei den Schülern und Schülerinnen traten dann Augenblicke der Verzweiflung ein! O, ihr bösen Korrekturtage! Auf weiter Flur im Sonnenbrand 30 – 40 Kunstjünger kilometerweise bis auf die nächsten Dörfer verstreut! Wie die Schwammerlinge schossen die weissen Malschirme im Moos, auf

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Bernhard Buttersack

der Oedwiese, auf der Sauweide von Haimhausen hervor! Und von morgens früh schon vor 8 Uhr bis über mittags 1 Uhr hinaus „Korrektur“. Armer Meister!, wie oft kamst Du dann erschöpft und missmutig heim! An Regentagen wars wenigstens erträglicher, die Schüler blieben in ihren Behausungen, zeichneten oder malten in Ställen und Scheunen.

Neben all diesen beruflichen Plagen erlebte er aber auch seine Freude an so manchen starken Talenten, die heute bekannte Namen tragen.

Selbst das erheiternde Moment fehlte nicht. Eines Mittags kam unser kleines „Meischterlein“ – er schwäbelte herrlich! – höchst aufgeräumt von der Korrektur zurück: „…heit‘ hab i waas Grossartigs g’sähe! Drunte in Otterschhause malte des Päärle X u. Y einträchtiglich nebereinand, er nach der Natur, sie kopierte seine Arbeit! Daas ischt doch köschtlich, daas ischt grossartig! Da kennt‘ mer glei‘ die ganze Korrektur vereinfache und die Schüler und Schülerine nebereinand aufbaue, g’wiess käm da die Quintessenz der Kunscht filtriert und krischtallisiert heraus, ho-ho-ho-ho!!“ Wie konnte er so kindlich herzhaft und boshaft lachen! Wie ein kleiner Mooskobold in seinem blauen Drillich stand er dann oft unverhofft vor den überraschten Schülern: „ha no, waas giebts!“ – Ein andermal als der gräfliche Besitzer von Schloss und Park Haimhausen auf einer Spazierfahrt durch sein Landgut unserem Meister an der Staffelei auf seinem grünen Rasen antraf und ihm zurief: „Aber Herr Professor, Sie vertrampeln mir ja mein schönes Gras!“ antwortete Buttersack auf gut Schwäbisch: „Macht nex, Herr Graf, i zahl Ihne nachher a Mass Bier!“ So wenig er jedoch ein Lebenskünstler war, so ausserordentlich anregend und fördernd, voller Humor und Witz, gab er sich auf den Wanderungen mit der Schule in die Umgebung von Haimhausen. Wem dann noch das besondere Glück zuteil war, mit ihm allein an Sommerabenden durch das Moos zu

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schlendern, dem offenbarte er sich in seinem ganzen tiefen Naturgefühl. Da befand er sich in vollster Harmonie mit dem All, die ganze belebte Natur erschloss sich ihm in einem glühenden Farbenakkord, den seine schönheitssuchende Seele voll Inbrunst festhielt: „Schau# nur, die wunderbar feine Tön“, so schwelgte er ganz entrückt.

War seine Stärke der malerische Vortrag bei einem höchstpersönlichen koloristischen Feingefühl – wobei die zeichnerische Fomel gerade durch seinen resoluten Pinselstrich betont wurde – welchen Genuss bot es, ihn selber bei seiner Arbeit vor der Natur zu sehen, wenn er eine Studie auf die Leinewand zauberte! – so forderte er eben immer wieder von seinen Schülern als Grundlage die Zeichnung! „Wann’s nöt zeichne wolle, brauche Se’s Male gar net anzufange!“ Er gehörte nicht zu den sogenannten „Nur-Malern“, wie die meisten seiner Zeit, und es war ihm gelegentlich geradezu ein Bedürfnis seine Verehrung für Böcklin und Karl Haider zum Ausdruck zu bringen: „daas sind freilich Kerle!!“ Aber auf die Kunsthändler hatte er eine „elende Wut“ und droht in Augenblicken der Erregung und Empörung mit den handgreiflichsten Vergeltungsmassregeln!

Die Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen von Seiten des bayerischen Staates im Jahre 1900 erfreute ihn aufrichtig und war ihm in seinem damals schon schwankenden Gesundheitszustande eine weiterer Aufmunterung zum Durchhalten. Ein Sommeretag an der Amper wurde für die Pinakothek angekauft, ausserdem erhielt er die goldne Medaille und den Professortitel. Alle Streberei verabscheute er von Grund aus und darbte lieber, ehe er Kotau machte. Die harte Schule des Lebens musste er in jener für ihn kritischen Zeit in Schleissheim durchlaufen wo er als richtiger Pleinsirist in der Hauptsache von Luft und Licht lebte; aber stets ist er sich treu geblieben.

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Er war Gründungsmitglied der Münchner Sezession 1891, Mitglied des Deutschen Künstlerbundes und der Berliner Sezession.

Sein freundliches geräumiges Landhaus in Haimhausen lag vor dem Eingang zum Ort am Ende der grossen Lindenallee, unweit des Hanielschen Schlossparks und des von Eichen und Erlen umrauschten Weihers hinten im Feld. Hier entstanden eine ganze Reihe größerer Bilder wie der herrliche „letzte Sonnenstrahl“, der „Birkenhain“, die er wiederholt im Auftrag gemalt hat und einige grössere „Amperlandschaften“. An sein grosses Atelier, in dem einmal hinter der Straffelei ein Vogelnest sich eingenistet hatte, grenzte eine reichhaltige Bibliothek, die er mit Vorliebe durch Reisebeschreibungen, Biographien und künstlerische Literatur vergrösserte. Ein ausgedehnter, ergiebiger Obst- und Gemüsegarten zog sich hinunter bis an die Ottershauser Strasse. Mit seiner nie müden, rastlos tätigen Gattin, die ihm bis zu seinem tragischen Hinscheiden über ein Vierteljahrhundert eine geradezu mütterliche Beschützerin und Gefährtin in allen seinen, ach, so empfindsamen Nöten war, bewirtschaftete er ihn jahrelang allein. Ein stachelhaariger Pintscher „Schnauz“ war sein besonderer Liebling, dessen Ableben er schmerzlich empfand. Da ging er lange einsam und verschlossen seine Wege. Kinder waren ihm nicht beschieden, so brauchte er zur Auslösung von der Misere des Lebens eine spielfrohe Tierseele.

Auf die Dauer vertrug er aber das weiche Klima des Mooses nicht, reagierte er doch in schwerden Depressionen auf jeden Witterungsumschlag, ja auf jedes Fern- und Nahbeben Tage vorher schon. Resigniert ironisierte er sich dann: „i bin halt a wandelnder Seismograph“!

So verkaufte er noch kurz vor dem Weltkrieg sein Anwesen und siedelte sich in dem hochgelegene Icking im Isartale an, das wenigstens an der Bahn lag und für die Freunde wie Verehrer seiner Kunst leichter zu erreichen war, als das abgelegene Haimhausen. Aber er war ein schwer leidender Mann geworden: „wann ‚Äs nur schon vorbei wär‘, i halts ja nimmer aus dieses Kopfweh, als ob der Schädel bersten sollte.“

Die späten grossen Erfolge in den letzten Jahren, die Kollektifausstellung im Glaspalast, die besondere Ehrung wenige Wochen vor seinem Hingange von seiten der Münchner Akademie der bildenden Künste als „Ehrenmitglied“ waren ihm wohl Genugtuung und Freude. Doch er stand schon lange mit innerster Seele auf des Kozytos Brücke, nahe den Ufern des Styx und schied an einem schwülen Maientage 1925 aus dieser Welt. Auf dem idyllischen kleinen Dorffriedhof in Icking zu Füssen des schlanken Kirchleins am Bergeshang, angesichts der blauen Berge und der grünen Isar ruht nun seine Asche.

Bernhard Buttersack, dem begnadeten Maler war es aber auf seinem Erdenweg vergönnt gewesen durch Stift und Farbe das Dürerwort zu bekräftigen:

Denn der alleredelst Sinn

der Menschen ist Sehen.“

(c) Silvermedusa

Intermezzo auf der Hochzeitsreise

Die aufregende Hochzeitsreise meiner Ur-urgroßeltern im August 1867.

Pünktlich zum Ferienbeginn und damit zur Reisezeit möchte ich euch von der Hochzeitsreise meiner Ur-Urgroßeltern berichten. Haeckel heiratet am 20. August 1867 in Burgau zum zweiten Male-( seine erste Frau Anna starb 1864)

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Moritz von Schwind: Hochzeitsreise

Nicht in der Stadt will er getraut sein, sondern in dieser kleinen malerischen Kirche. ( Die Trauung soll ein gewisser Klopfleisch geschlossen haben.

Er macht vor Glück und Übermut den größten Unsinn und winkt, seine junge Frau im Arm, den Leuten auf den Feldern zu.

Dann geht es mit der Postkutsche hinaus in die Welt. Nur nicht viel Gepäck mitnehmen, hat er gewünscht. Die Koffer trägt er meistens selbst. Mit ihnen geht er meistens voraus,  und sitzt dann an einer irgendeiner Wegbiegung mit dem Hut in der Hand: Ein armer Reisender bittet um eine milde Gabe.

Vom Donauberg im Zillertal versucht Haeckel mit einem orstkundigen jungen Führer die Tristenspitze zu besteigen. Und diese Entscheidung hätte Ernst Haeckel fast das Leben gekostet.

Agnes Haeckel hat ihrer Tochter LLisbeth über dieses aufregende Erlebnis folgendes erzählt:

Am frühen Morgen ist Haeckel mit einem jungen Burschen, angeblich einem Führer, zur Besteigung der Tristenspitze aufgebrochen. Nachmittags um 4 Uhr will er zurück sein. Aber Stunde um Stunde vergeht, es wird dunkel, ein heftiges Gewitter bricht los.  Niemand kommt. Inzwischen sind die Wirtsleute bei der besorgten jungen Frau und machen Sie nur noch besorgter. Endlich um 1 Uhr nachts hört man Schritte.  Herein stürzt Haeckel, umarmt seine Frau und bricht in Tränen aus, die die vorangegangenen Aufregungen auslösen. Der junge Bursche war nur ungenügend unterrichtet. Er hat dies erst eingestanden, als sie, weglos an steiler Felswand über dem Abgrund, weder vor -noch zurückkonnten. Da hat er die Jungfrau Maria angerufen, sich bekreuzigt und geschluchzt. Haeckel, erkennend, dass noch ein letzter Versuch gemacht werden müsse, zurückzugelangen, ehe die Dunkelheit hereinbreche, hat den Abschiedsbrief an seine Frau geschrieben. :

Liebste, beste Frau! Da ich nicht weiß, ob ich lebendig wieder von der Tristenspitze hinunter komme, sage ich hiermit Dir, liebstes, bestes Herz, meinen guten Eltern, meinem Bruder und Gegenbaur sowie Deinen Lieben ein letztes Lebewohl. Wir haben uns beim Absteigen so verstiegen, daß ich keine Ausweg mehr sehe, der Führer ist eben vorn, um noch einen möglichen Ausweg zu suchen, es ist aber wenig Hoffnung, einen zu finden. Zurück können wir nicht mehr. Ich bin so ermattet, daß ich kaum noch sitzen kann. Wenn mein Körper gefunden wird, laß ihn in Dornauberg verbrennen und bestatte die Asche im Grabe meiner Anna. Meine wissenschaftlichen Sammlungen und Instrumente schenke ich der Universität Jena. Meinen Zeichnungen und meine Bibliothek sollen meine Freune Gegenbaur und Allmers, meinen Bruder, die Alten und Dich verteilt werden. Über alles Übrige verfüge nach Belieben. Teile Dich darein mit meinen Eltern und Geschwistern. Wenn ich nicht so matt wäre, daß ich kaum noch an der Felslehne hängen kann, würde ich noch mehr schreiben. So aber kann ich nicht mehr. Ade, Ade, liebste, beste Frau, bewahre ein treues Andenken Deinem armen Ernst.

Am Südabhang der Tristenspitze, 9. September 1867, 12 Uhr mittags.

Dann hat er angeordnet, dass Schuhe und Strümpfe ausgezogen würden um durch eine letzte Anstrengung den Versuch zu machen, die Felswand zu nehmen, was dann auch gelungen ist, mit blutenden Füßen.

Ähnliche Intermezzi zogen sich nun wie ein roter Faden durch das Leben meiner Ur-Urgroßeltern. 1886 als der Kampf um die Weltanschauungen Ernst Haeckels in vollem Gange waren, flogen Droh und Schmähbriefe in den jungen Hausstand, gelegentlicher Boykott von Seiten der Kollegen Ernst Haeckels und deren Familien trat wiederholt ein bis “ der neue Prophet in Inn- und Ausland der berühmte Mann geworden und gesiegt hatte“. (so Walter Haeckel in seinen Erinnerungen an seine Mutter)

Hier war jemand so nett und hat den Briefwechsel Agnes und Ernst Haeckel von Konrad Huschke eingestellt. Falls ihr mehr lesen wollt, folgt bitte diesem Link

http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/haeckel/agnes/index.html