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Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende? Agnes Haeckel, die zweite Frau

Heute möchte ich euch meine Ur-Urgroßmutter Agnes Haeckel geb. Huschke vorstellen, und zwar aus der Sicht meines Urgroßvaters Walter Haeckel.

Mein Urgroßvater hatte zu Ihrem 80. Geburtstag eine Gedenkschrift zu Ihrem Andenken verfasst. Dieses ist zwar sehr persönlich gefärbt und liest sich manchmal wie eine Anklageschrift Ernst Haeckel gegenüber, jedoch gibt es einen guten Einblick in die Ehe meiner Ur-Urgroßeltern.

Agnes Huschke (1842- 1915) ist die Tochter des Anatomen Emil Huschke ( der seinerzeit zu den ersten Entwicklungsgeschichtlern gehört und sozusagen als Vorgänger Haeckels gelten kann).

Walter Haeckel berichtet:

Haeckel verkehrte schon zu Anfang der 60er Jahre mit seiner ersten Frau und Base, Anna Sethe, viel im Huschkeschen Hause und überließ nach ihrem jähen Tode seinen Hausstand den Töchtern zur Aufsicht, als er, um den schweren Schicksalsschlag zu überwinden, auf Reisen ging. Seine Frau hatte besonders für die jüngste Tochter, Agnes Huschke, eine stille Neigung gehabt und sie offenbar im Vorgefühl eines frühen Todes ihrem Gatten wiederholt als Nachfolgerin empfohlen.“

Dies deckt sich zwar mit Ernst Haeckels Angaben in seinem Brief vom 15. August 1899 an Frida von Uslar-Gleichen. Ob aber die Darstellung der regelrechten Empfehlung Annas stimmt, ist nicht nachprüfbar (genauso wie die Überlieferung, Agnes Huschke habe kurz vor der Hochzeit zurücktreten wollen).

So findet am 20. August 1867 in der idyllischen Dorfkirche von Burgau bei Jena die Trauung statt.

Nach der Einschätzung des Sohnes …

… verknüpften sich zwei Menschenschicksale, die nicht füreinander bestimmt waren, deren grundverschiedene Charaktere niemals eine harmonische Ehe geben konnten.“

Hemleben, der eine Biographie über Haeckel schreibt, fasst dies treffend zusammen:

Sie war häuslich, liebte die Stille und das gepflegte Zusammensein im kleinen Kreise. – Ihn trieb es in die Ferne, [er] genoß es, im Rampenlichte zu stehen und die errungenen Siege, die er in der Öffentlichkeit ausfocht, während sie vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre.“

Haeckel, der Weltenwanderer, verreist fast jedes Jahr – mehrmals über Monate hinaus. Zuweilen, meist auf kleineren Reisen, begleitet ihn Agnes, wenn ihre Gesundheit und die Sorge für die Kinder es erlauben; so auch bei zwei größeren Reisen nach Rom, Neapel und Sizilien (1893) sowie an die Riviera und nach Rapallo (1903/04). Bleibt sie daheim, sorgt sie sich fast krankhaft um ihn und leidet sehr oft unter der Einsamkeit.

Die ersten Jahre der jungen Familie mit Zuwachs an Kindern mögen auch wirklich die glücklichsten gewesen sein.

Das kann man den Briefen entnehmen, die sich die beiden in jener Zeit schreiben.

Walter Haeckel hierzu:

So selten interessant und anregend auch diese vielbewegte Sturm- und Drangzeit für meine Mutter gewesen ist, sie hat dies immer wieder auch für spätere Jahrzehnte bis in ihr hohes Alter betont, so aufreibend war sie für ihr ganzes Seelenleben.“

Anscheinend hatte sich Agnes Haeckel ihre Ehe etwa so vorgestellt, wie sie es vom Elternhaus her gewohnt war: Ein ruhiges beschauliches Leben an der Seite eines hervorragenden jungen Professors in dessen Glanz man sich sonnen konnte. Doch den „Himmelsstürmer und Götzenzertrümmerer“ versteht sie nicht.

Er kann seinerseits den Verlust seiner ersten Frau Anna nicht überwinden, auch wenn er an Agnes beispielsweise am 20. Juli 1867 schreibt:

Fürchte Dich nicht, liebstes Herz, daß ich zwischen Dir und meiner unvergesslichen Anna Vergleiche anstelle, daß ich von Dir alles das verlangen werde, was jene mir war. Dies würde von mir ebenso unklug und töricht, wie ungerecht und fruchtlos sein. Es gibt ein neues Leben, liebste Agnes, was ich mit Dir beginne.“

Aber nicht nur die Briefe an Frida von Uslar-Gleichen, sondern auch viele andere Äußerungen Haeckels zeigen, daß er Anna Sethe nicht ruhen lassen kann.

Dazu der Sohn:

Das kurze Rauschglück hatte den Vater in so krankhafte Ekstase versetzt, daß diese Glorifizierung bis zur schwächlichen Sentimentalität trieb. Wären ihm und Anna Sethe Kinder vergönnt gewesen, seine Gloriole wäre unsanft an der Realität zerschellt.“

Belastend für die Ehe ist noch dazu von Anfang an das enge Verhältnis, das Haeckel zeitlebens zu seiner Mutter hat, die ja auch die Tante seiner heißgeliebten ersten Frau ist. Neben der Verherrlichung seiner ersten Frau, ist es seine Mutter, die für ihn „der Stein der Weisen“ bleibt und die, wohl in bester Absicht, von fern und nah tyrannisiert. Solange sie lebt, (und sie erreicht ein hohes Alter von 90 Jahren,) steht er ganz unter ihrem Einfluß.

Zudem hat Ernst Haeckel auch manches von seiner Mutter geerbt: Nicht umsonst bezeichnet Agnes Haeckel ihren Mann als liebenswürdigen Egoisten und Tyrannen.

Der Sohn berichtet:

Sein zuweilen zügelloses, leidenschaftliches Temperament ging in seiner Intoleranz und Fanatismus, oft bis zur Ungerechtigkeit für den Nebenmenschen, mit ihm durch, besonders den weiblichen Besuchern gegenüber. Haeckel untersagte ihr eines Tages den weiteren Verkehr mit ihren Freundinnen ihres Jungmädchenkranzes und kündigte aus purer Eifersucht einem Kollegen die Freundschaft, weil dieser (ein weltgewandter, musikalischer Mann) seiner Gattin liebenswürdig den Hof gemacht hatte. Er verlangte kategorisch von seiner Frau, daß sie sich ganz auf ihn, seine Persönlichkeit und seine Wissenschaft konzentrieren sollte.“

Äußerlich tritt Agnes Huschke mit herzlichem Entgegenkommen und aristokratischer Reserviertheit entgegen. Sie versteht es vortrefflich, sich zu beherrschen. Die Wenigsten wissen, wie es in ihrem Inneren aussieht. Wie weit sich der seelische Konflikt auf ihre körperlichen Beschwerden auswirkt, sei dahingestellt, jedoch steigern sich die seelischen und körperlichen Beschwerden stetig.

Sie erfährt ein nervöses und auch organisches Herzleiden, immer quälender werdende Gallensteinbeschwerden, schmerzhafte Nierenaffektionen und auch schwere seelische Depressionen. Ihre schwankende Gesundheit erlaubt ihr oft wochenlang nicht das Bett zu verlassen: In diesen Phasen will sie niemanden sehen (nicht einmal ihre eigenen Kinder,) und nur noch von ihrer ebenfalls kranken Tochter (Emma) gepflegt werden.

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Auch die vielen Kuren bringen keine Linderung: Ihr Lebenskonflikt löst sich dadurch nicht. Ab dem vierzigsten Lebensjahr verliert Agnes Haeckel ihre schlanke, mädchenhafte Figur, wahrscheinlich durch Frustessen: Agnes Haeckel ist eine ausgezeichnete Köchin, und durch die schweren depressiven Phasen müssen sich Mutter und Tochter Emma mit diversem süßen Gebäck hindurchgetröstet haben.

Walter Haeckel dazu:

Je heftiger dazu der Vater in der Zugluft wissenschaftlicher Kämpfe stand, je lebhafter der Verkehr im Hause wurde, umso schwieriger wurde es für sie mit dem Hausstand, wie mit der Erziehung der ungleich begabten und sich ganz verschieden entwickelnden Kinder fertig zu werden, zumal der ungeduldige Vater oft recht unvermittelt dazwischen fuhr und alles das an erzieherischen Versuchen verdarb, was sie mit Mühe und Not aufgebaut und erreicht hatte.“

Als Erzieher seiner drei Kinder war Ernst Haeckel bei all seiner Herzenswärme und Güte durch seine Temperamentssprünge eine problematische Erscheinung. Ernst Haeckel war ja selten zu Hause. Entweder war er auf längeren Reisen, oder im Institut. So oblag Agnes die Erziehung der Kinder.

Uns Kindern ist sie immer die aufopfernde gütigste Mutter gewesen, um unser Wohlergehen nach Kräften bemüht.“

Der Gesundheitszustand Agnes und der Tochter verschlechtern sich zum Teil so stark, daß auf gesellschaftlichen Verkehr verzichtet wird. Die Ehe droht fast daran zu zerbrechen. Man spricht nicht miteinander, und Haeckel stürzt sich in seine Arbeit, um das alles ertragen zu können. Er übernachtet sogar im Institut, nur, um nicht daheim sein zu müssen.

In dieser schweren Zeit lernt Ernst Haeckel Frida von Uslar Gleichen kennen, die seine Geliebte wird. Mehr dazu

https://silvermedusa.wordpress.com/2012/04/03/frida-von-uslar-gleichen/

Aus der Skizze von Walter Haeckel:

In jenen gespannten Zeiten stand er sogar wiederholt vor der Frage der Ehescheidung. Dann aber blieb er der gefesselte Prometheus, wie er sich selber ironisch bezeichnete, bis zu seinem Hinscheiden.

Haeckel war immer noch ein Arbeitstier! 1907 wurde er zum „wirklichen geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz“ ernannt. Sein Altersziel, das Phyletische Museum, wurde 1908 eingeweiht. (…) Im Frühjahr 1911 erlitt Haeckel einen Oberschenkelhalsbruch, der ihn nun fast ganz an Jena fesselte.

Nun pflegte die Mutter, trotz ihrer erschütterten Gesundheit, den Gatten nach besten Kräften, ja, nur von ihr wollte er jetzt behütet und umgeben sein. „Philemon und Baucis in der Hütte“ bezeichnete der Vater philosophisch resignierend sein Altersdasein.“

Ob diese Verklärung die Situation treffend charakterisiert, muß dahingestellt bleiben. In dem letzten Brief, den Agnes Haeckel an ihren Gatten schreibt, ist ihre Verbitterung deutlich zu spüren. Haeckel entzieht sich allen offiziellen Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag, indem er zu seiner Tochter Lisbeth Meyer nach Leipzig fährt. Seine Frau bleibt zu Hause in Jena, um Glückwünsche und Geschenke entgegenzunehmen. Sie schreibt ihm am 15. Februar 1914:

In allen Zeitungen wird Dein Lebenslauf besprochen und breitgetreten bis in die intimsten Familienereignisse, nur von Deiner zweiten Frau, die nun bald 50 Jahre Dein kämpferisches Leben mit Dir teilt, ist keine Rede, und sie gehört doch wahrhaft zu Deinem Lebenslauf.“

Agnes Haeckel ist an diesem Umstand allerdings durchaus selbst beteiligt: Sie hatte sich ja immer im Hintergrund gehalten und weder Neigung noch Talent gezeigt, an der Seite ihres Mannes in die Öffentlichkeit zu treten. Andererseits hätte Haeckel sehr wohl auch die Öffentlichkeit erkennen lassen können, wie viel Agnes ihm trotz aller Verschiedenheiten bedeutet hat!

 Ein Jahr später stirbt Agnes Haeckel.  Dazu Walter Haeckel:

Mit dem Beginn des 1.Weltkrieges traten leider bei der Mutter das alte Herzleiden… in ein akutes Stadium ein. In dauernder Erregung schleppte sich die gute alte Frau bis zum Frühjahr 1915 hin. In der Nacht des 21.April begann ein kurzer Todeskampf… und gegen Morgen war sie von allem ihrem Erdenleid erlöst.

 

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