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Walter Haeckel / Tu quoque mi filii

Zeitgenossen schildern Walter (1868 – 1939) als stets freundlichen, charismatischen Menschen mit einem strahlenden Lächeln. Er gilt als sehr kultivierter, feinfühliger Mensch.

Ernst Haeckel schreibt in einem Brief an Bölsche:

„Die Taufe meines Sohnes Walter (geboren am 29.09.1868) wurde auf ausdrücklichen Wunsch meiner Frau durch unseren Stadtpfarrer nach dem gewöhnlichen Ritus vollzogen. Mein lieber Freund Hermann Allmers hatte zu dessen Taufe ein Gedicht verfasst, welches in der Gartenlaube erschien: danach sollte Walter statt mit Wasser mit Wein getauft werden. Dieser Scherz erregte den höchsten Zorn der Kreuzzeitung welche darin eine schändliche Blasphemie des heiligen Sakramentes erblickte und folgerte, daß ich ein gottloser Säufer sei!!!“

Das Gedicht könnt ihr übrigens hier nachlesen:

Walter Haeckel ist ein lebhaftes Kind (ein Lausbub). Seine schulischen Leistungen lassen allerdings zu wünschen übrig, so daß er vom gestrengen Vater öfters im Institut eingesperrt wird. Walter Haeckel wird später nicht ohne Bedenken nach der Unterprima versetzt und gerät dadurch in eine Entscheidungskrise: Einerseits will er das Abitur machen, andererseits Marine- oder Artillerieoffizier werden. Sein Vater, der selbst gern Landschaftsmaler geworden wäre und die Begabungen seines Sohnes fördern will, macht kurzen Prozeß und steckt den 20jährigen Sohn, wie einen Bauern auf dem Schachbrett, nach Weimar in die Kalckreuth’sche Kunstschule. Ernst Haeckel projeziert somit seine eigene Sehnsucht „Ein Leben als Maler“ in seinen Sohn hinein. Er ist auch durchaus bereit, diesem eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Walter erkennt jedoch bald, daß ihm Schauspiel und Musik näher liegen als bildende Kunst.

Die folgenden 12 Jahre verbringt Walter Haeckel häufig in Münchener Künstlerkreisen. Ihn ziehen vor allem die Konzerte an. Immer deutlicher wird ihm dabei die falsche Berufswahl.

„Allen Gesellschaften, die mir auf väterliche Empfehlungen und Ermahnungen nahe gelegt waren (Lenbach etc.), ging ich absichtlich aus dem Wege, um mich nicht durch langweiliges conventionelles Phrasengetön binden zu lassen. Dagegen fand ich in den jüngeren deutschen Dichtern und Malern eine anregende, lebenslustige, leichtsinnige Gesellschaft, der ich mich mit Freuden anschloß.“

Daß der Vater davon alles andere als begeistert ist, versteht sich von selbst. So schreibt der wütende Ernst Haeckel in einem Brief vom 4. Juli 1900:

„Am besten und verbindlichsten aber ist es, daß Du selbst ernstlich Dich bemühst, durch tüchtige eigene Tätigkeit dir etwas zu verdienen. Auch bedauert haben wir, daß Du die von Hans Dir vakante Offerte ausgeschlagen und nicht einmal versuchsweise die vakante Stelle im B[ibliographischen] I[nstitut] angenommen hast. – Eine geregelte feste berufliche Thätigkeit, eine auch zunächst mit bescheidenem Einkommen, würde Dich sicher befriedigen und Dich von den pessimistischen und hypochondrischen Stimmungen, unter denen du leidest, befreien.“

Büster Walter Haeckel (Künstler unbekannt)

Am 8. Oktober 1901 heiratet Walter Haeckel Josefa Scholz aus Hamburg.

Josefa Haeckel oben links im Kreise ihrer Geschwister: Foto: Almut Taschendorf

Josefa Haeckel oben links im Kreise ihrer Geschwister: Foto: Almut Taschendorf

„Josefa ist eine sehr kluge und energische Frau und scheint Walter sehr richtig zu behandeln.“,meint Ernst Haeckel über seine Schwiegertochter. Das Paar lebt zunächst in Sonthofen im Allgäu und später in München. Walter und Josefa haben vier Kinder:

Ingeborg (1903 – 1994), Renata (1904 – 1911), Helga (1910 – 1960; meine Großmutter) und Horstmar (1914 – 1944).

Walter&Josefa1914

Walter und Josefa Haeckel 1914

Walter Haeckel, der auch später keinen Erfolg als Kunstmaler hat, wird von seinem Vater, so lange dieser lebt, in sehr großzügiger Weise finanziell unterstützt. Doch weiß das Walter zu würdigen?

Ernst Haeckel spendiert etwa seinem Sohn 1913 eine zweimonatige Italienreise. Walter schreibt seine Reiseerlebnisse auf. Er endet darin mit den Worten:

„Dem gütigen Spender dieses Reise- und Erholungsstipendiums (…) seiner Exzellenz (…) bin ich zu aufrichtigem Dank auch diesmal verpflichtet!!! Möge er letztwillige Bestimmungen treffen, daß sein talentvoller Herr Sohn und dessen Familie zu Nutz und Frommen der Menschheit recht oft solche und fördernde Exkursionen in dankbarem Gedenken an den gütigen Geber ausführen können.“

Als das väterliche Erbteil nach dem Tode Ernst Haeckels infolge der Inflation aufgezehrt ist, findet Walter Haeckel von 1925 – 1935 im B(ibliographischen) I(nstitut) in Leipzig dank seines Schwagers Hans Meyer eine Anstellung. Die Familie bleibt aus finanziellen Gründen in München.

Walter kümmert sich nach dem Tode seines Vaters um dessen Nachlaß und ist maßgeblich am Aufbau des Ernst-Haeckel-Museums – der einstigen „Villa Medusa“ beteiligt. Unter anderem lebt er davon, postume Werke über seinen Vater zu veröffentlichen. (Teils führt er dabei heftige Auseinandersetzungen mit den Verlagen, auch wegen seiner vermutlich überzogenen Honorarforderungen.) Oder er verkauft Bilder seines Vaters, wie ein Auszug aus der Korrespondenz mit Koehler in Leipzig vom 22.12.1922 zeigt:

„Von den für den Verkauf bereitgestellten Bildern ihres Herrn Vaters habe ich mir den Monte Kristallo herausgesucht, und übersende ihnen beigehend die Summe von 20.000 Mark dafür, die sie als Preis genannt haben.“

So ist es nicht verwunderlich, daß Walter von der Familie stets als „fauler Hund“ beschrieben wird. Else Meyer bezeichnet ihren Onkel gar einmal als Menschen,

„… der es zu nichts gebracht hat und voller Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Vater war“.

Josefa Scholz, die aus einer vermögenden Familie stammt, muß wohl das Geld in der Familie zusammengehalten haben. Den Alterssitz in Lochham kann sie (meine Urgroßmutter) sich aufgrund einer Erbschaft leisten. Zudem werden Josefa und Walter von ihrer Tochter Ingeborg, die damals schon (relativ nah) in Murnau am Staffelsee lebt, finanziell unterstützt.

In einem Brief aus dem Jahre 1938 bittet Walter Haeckel das B(ibliographische) I(nstitut) um Geld. Walter Haeckel litt in zunehmenden Alter an diversen Krankheiten, wie Adressen von Internisten und anderen Ärzten, die ich in seinem Nachlass gefunden haben zeigen. In diesem Jahr musste er sich auch einer Operation wegen einer schweren Mittelorhentzündung unterziehen.

Sein Gesuch jedoch wird mit der Begründung abgelehnt, daß er ja nun mal kein Mitarbeiter des Hauses mehr sei und somit keinen Anspruch auf „Betriebliche Unterstützung“ mehr habe:„Es ist nicht gut angängig, daß wir einen seit mehreren Jahren in Ruhe lebenden Mitarbeiter unseres Hauses, der eine freiwillige Unterstützung erhält, noch mit anderen Beihilfen (Krankenunterstützung) bedenken. Der Vorstand möchte nun nicht, daß neben der gegebenen Zusage der monatlichen Unterstützung noch weitere Beträge für Sie in unseren Büchern bei uns auftauchen.“

Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend. Sein Sohn Horst(mar) schreibt aus dem Feld: Ich wünsche Vater alles Gute, damits endlich aufhört…

Alt und Krank… Walter Haeckel kurz vor seinem Tod im Dezember 1939

Ich vermute, dass mein Urgroßvater an Krebs litt.

Walter Haeckel stirbt schliesslich im Dezember 1939 in München und wurde auf dem Münchner Waldfriedhof neben seiner geliebten Tochter Renata beigesetzt.

Trotz aller „Fehler“ die mein Urgroßvater wie jeder  Mensch hatte, war er ein interessanter Mann. Er war in meinen Augen ein großartiger und feinbeobachtender Schriftsteller. Jedoch sind seine Aufsätze und Erinnerungen von zynischen Bemerkungen durchzogen, die auf mich störend wirken. Seine Kinder muss er abgöttisch geliebt haben, besonders liebte er seine zweitälteste Tochter Renata, die im Alter von 8 Jahren tödlich verunglückte. Diesen Verlust hat er nie überwunden. Er war auf alle seine verbliebenen Kinder sehr stolz und versuchte nachKräften Ihre Talente zu fördern und zu unterstützen.

Diesen Mann, der „wie Sekt“ wirkte, der geistreich und kulturell interessiert war hätte ich gerne kennengelernt.

2 Kommentare zu “Walter Haeckel / Tu quoque mi filii

  1. Lieber Verfasser des obigen Artikels.
    Die Mutter von Josefa Haeckel geb. Scholz, Cajetane Scholz geb.Pereira/Dittmer. ist meine Urgroßmutter.
    Ich betreibe Ahnenforschung und finde Ihren Artikel sehr spannend.

    Gefällt mir

    • Liebe Frau Taschendorf
      Willkommen auf meinem Blog. Freut mich, dass Ihnen meine Seite gefällt! Josefa Haeckel war eine fantastische Frau von der ich leider nur sehr wenig weis. Ich würde mich freuen, mich mit Ihnen ein wenig Austauschen zu können. (Meine E-mail addresse: Haeckelsdream@googlemail.com).
      Ihre „Silvermedusa“

      Gefällt mir

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